kindertransport | 1938

zwischen 1938 und dem kriegsbeginn im september 1939 gab es für “jüdische” kinder aus privilegierten familien die möglichkeit der legalen ausreise. die nazis hatten mit den briten vereinbart, rund 10.000 kinder im rahmen von “kindertransporten” mit zug und schiff vom deutschen reich über die niederlande nach england zu bringen.

hier ein foto aus der → wiener library in london zum holocaust, london. gale document numberC5006992396. es scheint sich um die fähre von hoek van holland nach harwich/england zu handeln, vielleicht aber auch die ankunftshalle der fähre in harwich. von dort kamen die kinder in züge, die dann ein, zwei stunden später in liverpool street station endeten. sie wurden von ihren gasteltern empfangen, die umgerechnet auf heutige verhältnisse etwa 7000 € pro kind von den jüdischen eltern der kinder bekamen, um sicher zu stellen, dass sie dem britischen steuerzahler nicht auf dem geldbeutel lagen. der betrag war teil des deals. es kann auch gut sein, dass die nazis weitere gebühren forderten. heute erinnert eine → skulptur direkt vor dem bahnhof an die kindertransporte. angefertigt von frank meisler, der auch im rahmen eines kindertransports dem holocaust entging; seine eltern aber nicht.

Kindertransport_Harwich_1938_smallmädchen mit puppe und gepäck, vermutlich harwich, england, dezember 1938

hitler harmlos | new york times januar 1933

die new york times hat den holprigen aufstieg adolf hitlers seit dessen haftentlassung (ausgabe vom 20. dezember 1924) kritisch beobachtet. ab september 1930 gibt es zahlreiche artikel über ihn. für die leser der times ist er also kein unbekannter, als die zeitung in ihrer ausgabe vom 31. januar 1933 anlässlich der machtergreifung berichtet:

Hitler-Machtergreifung-New-York-Times-1933new york times, titelseite der ausgabe vom 31. januar 1933

bemerkenswert ist der zweite absatz (“The composition…”), in dem steht, dass “die Zusammensetzung des Kabinetts Herrn Hitler wenig Spielraum lässt, jegliche diktatorische Ambitionen zu befriedigen”. bemerkenswert deswegen, weil hitler das kabinett und seine kanzlerschaft bekanntlich umgehend dazu nutzte, die republik abzuschaffen und die nazi-diktatur zu installieren. der autor des artikels, guido enderis, schien hoffnung zu haben, das schlimmste sei zu verhindern.

#recherche: ich habe heute wenig zeit dafür, aber der rechercheweg in zeiten eines so breit aufgestellten internets ist für alle, die das noch anders kennen, phänomenal. auf die schnelle geht das in dem fall so: ich suche nach guido enderis, stoße auf ein → geheimdokument als faksimile (pdf) innerhalb der US-diplomatie vom märz 1938, in dem von massiven einschüchterungen von journalisten und juden durch die nazis die rede ist, unter anderem wird hier guido enderis als opfer beschrieben.

geist-an-messersmith-1938

der us-konsul in berlin an den stellvertretenden us-außenminister 1938

zitat (aus dem dokument oben übersetzt):

“Ich weiß, dass Baron Rothschild mitten in der Nacht aus seinem Haus geschleppt wurde und sein Palast sofort in den Besitz der SS überging, im Hof Leuchtfeuer entzündet wurden, die Weinkeller geplündert, Feste und Trinkgelage abgehalten wurden. [Der Hearst-Journalist Pierre] Huss hat selbst gesehen, wie jüdsiche Frauen in Abendkleidern mit ihren Fingernägeln Poster [für Veranstaltungen mit Juden] von den Wänden kratzen mussten, woraus der Grad der Barbarei klar wird, der während der Übergriffe toleriert wurde.”

mein vater (geboren 1926, sohn eines antifaschisten) schrieb mir dazu gerade:

“Wir haben mal in der Handelsakademie [in Prag] ein Klavier oder einen Flügel anschaffen wollen oder sollen (Musikunterricht gab es ja nicht), und da hat der Direktor einem Lehrer (Mir ist plötzlich der Name des Lehrers eingefallen. Er hieß Matula und hat kaufmännisches Rechnungswesen unterrichtet. Ich erinnere mich, dass er ein sehr guter Lehrer war.) den Auftrag gegeben, zu einer bestimmten Adresse zu fahren einen Flügel zu besorgen. Der Lehrer, der in unserer Nähe gewohnt hat, hat mich gefragt, ob ich mitfahren wolle. Ich bin mitgefahren. Der Ort war mit der Straßenbahn zu erreichen. Da kamen wir in eine riesige Halle, vielleicht waren es auch mehrere Hallen nebeneinander, und da standen nicht nur Klaviere und Flügel, andere Sachen aus den Wohnungen der Juden. Die deutschen Käufer sind da rumgelaufen wie in einem Kaufhaus, ein Mann mit Judenstern hat die Aufträge entgegen genommen, und die Sachen wurden dann geliefert. Unsere Schule hat einen Flügel geliefert bekommen, den der Lehrer ausgesucht hat. Als der Flügel gebracht worden war, hat der Lehrer begeistert eine Stunde lang darauf gespielt. Bei der Lieferung war ich nicht dabei, aber danach beim Klavierspiel des Lehrers schon. Bei einem Bombenangriff auf Prag wurde das Haus, in dem der Lehrer gewohnt hat, zerstört. Alle Bewohner kamen dabei ums Leben. Mir fällt immer wieder mal was ein. Zum Beispiel durfte kein Jude nach 17 Uhr auf dem Wenzelsplatz sein.”

zurück zu dem brief oben: weil aus dieser tief besorgten diplomatenpost nicht klar hervorgeht, wen der us-konsul raymond h. geist hier anschreibt, nämlich einen mr. messersmith, google ich nach diesen beiden namen und stoße auf ein → weiteres dokument, diesmal vom april 1939, in dem es vor allem um die unterdrückung der juden geht. hier steht auch messersmiths vorname, nämlich george, also suche ich den → wikipediaartikel über george messersmith auf, den es tatsächlich schon gibt (übrigens seit 21.12.2010 18:44) und der wie meist bei historischen politischen themen, eine perfekte orientierung bietet. geschichtlich einordnen lässt sich das schreiben im kontext der judenvertreibung und judenvernichtungspolitik der nazis. es war damals, im frühjahr 1938, noch nicht ganz klar, ob die nazis eine koordinierte ausreise der juden unterstützten (wie sie zunächst vorgaben, schacht-plan) oder die totale vernichtung der europäischen juden im sinn hatten; bis zur wannseekonferenz, wo der holocaust entschieden wurde, vergingen noch 4 jahre. die dokumente im internet zu den vorgängen 1938 sind üppig. unter anderem bietet das vom bayerischen rundfunk betriebene internetportal “die quellen sprechen” ein von einem sprecher vorgelesenes transkript der → kabinettsitzung vom 12. november 1938, wo sich reichsminister göring zur “judenfrage” unmittelbar nach den pogromen äußert.

kurz noch zurück zum new york times-artikel: die londoner times schätzt den tag vorsichtiger ein. wörtlich übersetzt schreibt der korrespondent:

“Die Zusammensetzung des neuen Kabinetts […] bedeutet nicht, dass man die Vorgänge in Deutschland nicht mit Wachsamkeit und Vorsicht beobachten muss. Als letztes kann man eine Verbesserung der Französisch-Deutschen Beziehungen erwarten. Herr Hitler hat zu laut und zu oft darüber gesprochen. Jedoch ist bei aller Vorsicht, die die Situation gebietet, die Hoffnung vorhanden, dass sich ein Hitler an der Macht als weniger gefährlich herausstellt als ein Hitler frei von jeglicher Verantwortung.”

die times hat an dem tag 7 artikel über hitlers karrieresprung, unter anderem einen, der die börse daraufhin beobachtet (sinkende, später am tag wieder steigende kurse) und eine bildstrecke, wo paramilitärs im lechfeld deutschen drill üben. im artikel “Herr Hitler in Office” benutzt die times das wort Hitlerite, zu deutsch wäre das Hitlerit, also hitler-anhänger.

joseph weizenbaum | 1991

Joseph-Weizenbaum-by-Peter-Haas---2006joseph weizenbaum 2005 in jena, fotografiert von peter haas; haas’ filmportrait über weizenbaum → hier

in meinem cassettenregal wimmelt es von sendungsmitschnitten, und ab und zu greife ich, ziemlich beliebig, eine cassette heraus und digitalisiere sie. heute war das der mitschnitt meiner computersendung “bit, byte, gebissen” vom 12. august 1991, als der computerpionier joseph weizenbaum live im studio war. das gespräch füllte die halbe stunde der sendung, es ging um computerspiele, flugsimulatoren, von neumann rechnerarchitektur, röhrentechnik, die ausreise 1936 (weil die weizenbaum-familie juden waren) aus deutschland nach amerika, die nazis, die einwanderung, zeppeline, das MIT, unsinnig teure forschung wie teilchenbeschleuniger und vor allem gesellschaftskritik wegen sinnloser, gedankenloser hetzerei, kapital-verschuldung, computertaktung.

hier ein kurzer und wegen des tonfalls nicht untypischer ausschnitt des gesprächs. ich habe im zündfunk und vor allem meinen eigenen sendungen sehr gern selbst angefertigte jingles gespielt, damals noch mit bandtechnik aufgenommen und gemischt, wegen geringem sendebudget bin ich in dem jingle der einzige sprecher und habe einen drum-loop aus meinem synthesizer als hintergrund benutz. danach spricht weizenbaum über die außergewöhnliche debattenkultur, die präzisen, ja aggressiv wirkenden, aber nie persönlich gemeinten fragen der briten, die er gerade bei einem vortrag an der technischen universität brighton erlebt hat.

 

joseph weizenbaum, kurzer ausschnitt aus einer BR/zündfunk-sendung vom juli 1991