der wind | professor

haus mit 106 stockwerken. grafik: ms

für das → zündfunk radiotop, das von 1993 bis 1997 an jedem zweiten montag im zweiten programm des bayerischen rundfunks lief, habe ich jeden monat eine kurzgeschichte produziert.

ich bekam die ganze sendung pauschal honoriert und hätte einfach musik spielen und dazu kluge worte sagen können. aber das radiotop war vom konzept her dafür ausgerichtet, alle möglichen ecken der radiophonie auszuloten. welche genau, wusste ich anfangs auch nicht. es war die zeit, als windows-computer noch probleme mit der taktfrequenz hatten und man nur auf apple macintosh-PCs klänge digital bearbeiten konnte, allerdings mit teuren steckkarten. ich war gerade frisch vater geworden, viel zuhause und spielte praktisch in jeder freien minute mit dieser neuen technik. man konnte plötzlich aufnahmen in der zeit strecken, ohne die tonhöhe zu verändern! man konnte digital scratchen und polyphonie erzeugen. die gut 40 radiotop-sendungen waren voll mit live-mischungen aus schallplatten, CDs und vorab digital gebauten experimental-sounds.

der windprofessor. radiotop XXI

die kurzgeschichtenreihe hieß “das haus mit den 106 stockwerken”, war vom titel her eine hommage auf die 110-stöckigen zwillingstürme des world trade center in new york, wo ich öfter hoch fuhr, und sie war ein direkter nachfolger von “jefferson’s computernächten”, die ich für die computersendungen → bit, byte, gebissen seit ca. 1986 geschrieben und produziert hatte. ich ließ die jefferson-texte anfangs von der schauspielerin michele sterr sprechen oder sprach sie selbst. für das radiotop produzierte ich die kurzgeschichten am rechner in köln und griff nur auf zwei musiken,* meine stimme und zwei assistenzstimmen zurück. letztere erklangen immer dann im hintergrund, wenn die beiden hauptfiguren, ilona und dongdong sprachen.

diese damals noch unreife mischtechnik, bei der die stimmen, leicht zeitversetzt den erzählertext wiederholen, hat sich später in vielen meiner produktionen bewährt.

diese sehr frühe folge hieß “der windprofessor” und lief im radiotop XXI im juni 1995. der text war (mehr oder weniger beabsichtigt) gespickt mit metaphern und haarscharf-daneben-formulierungen. heutzutage etwas anstrengend zu verfolgen.

bei mir, dem autor, und offenbar vielen hörerInnen, blieb aber das szenario hängen und kristallisierte sich von folge zu folge klarer heraus. von chun, dem loch, kam nur depressiv-gutes, während die ums untere drittel des hochhauses herumschwirrenden t-träger stets bedrohlich waren. ins ebenfalls hier anklingende ferne tal der würmer gab es immer wieder kurze ausflüge, schließlich konnte ilona fliegen. und über allem erhaben war der windprofessor, der dieser episode ihren titel gab. es war die vermutlich fünfte episode (von ca. 20, als das radiotop 1997 zu ende ging).


*musik: schuberts 9. symphonie in C-Dur (arturo toscanini, NBC symphony orchestra) und aphex twin, #26 aus dem album aphex twin.