kraftwerks | flür

debutalbum von 1970 (aus meinem plattenregal)

das war eine bemerkenswerte schallplatte. anders als die gitarrenlastigen und chaotischen krautrock-bands präsentierten ralf hütter und florian schneider sehr nüchterne, steril arrangierte synthesizer-orgien. besonders begeistert war ich von dem titel „vom himmel hoch“, der mit synthi-sounds bombenalarm und bombendetonationen suggerierte. 1972 suchten die beiden avantgardisten einen drummer und fanden wolfgang flür. flür (und wenig später karl bartos) spielten ihre rhythmen auf drumpads, also berührungsempfindlichen mini-geräten. wolfgang flür erlebte die wichtigste zeit der gruppe, inklusive einer langen US-tournee.

1986 verließ flür kraftwerk. 1999 veröffentlichte der ein autobiografisches buch unter dem titel „kraftwerk – ich war ein roboter„. das gefiel ralf hütter überhaupt nicht, denn es kratzte am mythos der band. er ließ über seine anwälte den verkauf des buchs stoppen. 5 jahre später erschien dann eine modifizierte ausgabe: „Ich war ein ROBOTER – Electric Drummer bei Kraftwerk„.

wolfgang flür, 1999. foto: ms, wikipedia

wolfgang flür lernte ich 1999 kennen. ich hatte ihn zu einer sendung im deutschlandfunk nach paderborn eingeladen. flür war zutiefst frustriert über kraftwerk, weil er von hütter und schneider als angestellter betrachtet und schlecht bezahlt wurde. in hütters augen „war [flür] nur irgendein früherer mitarbeiter, an den er sich einmal mehr erinnerte“, sagte flür. florian schneider ist inzwischen verstorben. hütter tritt als 80jähriger noch immer live auf, mit drei anderen „angestellten“.

dass hütter sein gesamtkunstwerk kraftwerk nicht durch ein ex-mitglied verändern lassen wollte, ist verständlich. schließlich waren er und schneider die masterminds und achteten auf die strenge des auftritts und der tonträgerveröffentlichungen. aber natürlich waren die einstweiligen verfügungen, mit denen hütter flür überzog, kurzsichtig, weil er dadurch nicht verhindern konnte, dass die kraftwerk-leute als menschen (und nicht als roboter) begriffen wurden.

flür gibt sich in dem buch als frauenheld, was sehr unangenehm frauenfeindlich wirkt. er zeigt fotos von sich und schneider unter der dusche, partys im elternhaus von schneider (sein vater war ein berühmter architekt), er berichtet über probleme mit dem kraftwerksound auf tourneen, von teuren armbanduhren, die sich hütter und schneider leisteten. auch ein patentstreit spielt eine rolle: hütter und schneider hatten ohne rücksprache ein US-patent für flürs drumpad angemeldet.

erstausgabe von 1999