funkt der | deutschlandfunk?

vorweg: ich bin seit etwa 1990 freier mitarbeiter des deutschlandfunks, und zwar aus einem einzigen grund: ich schätze diesen sender. ich schätze den sender auch heute, erlaube mir aber die kritik am online-auftritt, wie er sich heute gestaltet.

dies ist die startseite des deutschlandfunks am heutigen dienstag nachmittag:

deutschlandfunk.de webseite vom 12. april 2022. text only, no audio.

zu sehen sind auf den ersten blick sieben themen, von “terror… abziehen?” über “krieg in der ukraine / putin…” bis zur “internationalen presseschau”. nur zwei (!) dieser themen führen zu dem, was den deutschlandfunk ausmacht, nämlich zu rundfunkbeiträgen:

  • die internationale presseschau liefert bei klick eine liste der presseschauen der letzten tage, und jede lässt sich über einen weiteren klick nachhören. was nicht möglich ist, ist die aktuelle presseschau direkt über die homepage anzuhören.
  • “LNG in deutschland”: der klick darauf führt zu einem längeren artikel, wobei sich im zweiten absatz ein link zu hören des knapp fünfminütigen beitrags anbietet. in diesem fall also nicht nur zwei klicks, wie im beispiel der presseschau, sondern auch noch suchen nach einem link.

keine audio-links zu konkreten beiträgen im deutschlandfunk finden sich unter allen anderen einträgen. auch nicht beim leitartikel “terror, militärputsch…” und allen größeren online-beiträgen, die sich beim runterscrollen anbieten.

es gibt oben einen menüpunkt “sendungen”, der zu einer alphabetischen auflistung aller sendungen führt. diese beginnt mit “@mediasres” und endet mit “zwischentöne”.

der menüpunkt “programm” führt zu dem, was eigentlich auf die leitseite gehört, nämlich zu den sendungen. hier ist der ort, wo jemand, der/die im auto etwas spannendes hört, das später online nachhören kann.

im UX-design, also der wissenschaft, wie man ein portal aufbaut, gilt, dass die anlaufseite sofort das eigentliche zeigt. im fall des deutschlandfunks wären das nicht von der online-redaktion verfasste an zeitungsartikel erinnernde, bebilderte texte, sondern im beispiel des screenshots informationen über das, was gerade im sender läuft und gerade lief, nämlich die sendung “campus und karriere” mit unter anderem dem thema

  • Welche grünen Berufe gerade im Trend liegen und welche Chancen sich für die Ausbildungsorientierung ergeben.

nichts davon auf der leitseite. blicken wir vier jahre zurück: damals hatte der trend längst begonnen: die homepage war nicht von den DLF-redaktionen, sondern von der online-redaktion gewichtet und scherte sich nicht ums laufende programm. allerdings war damals in vielen fällen der direkte klick zum nachhören der angeteaserten themen zu sehen.

die webseite vor genau 4 jahren: fast alles direkt nachhörbar. audio follows text.

wir rundfunkleute haben erlebt, wie die verlagsbranche und die privatsender im aufbau der webseiten der öffentlich-rechtlichen sender ihren größten feind sahen. immer wieder wurden – im rundfunkstaatsvertrag und anderswo – regeln über die online-portale der sender aufgestellt und modifiziert. zum beispiel mussten hörfunk- und fernsehbeiträge vor einigen jahren nach wenigen tagen gelöscht werden; heute dagegen können viele über einige jahre “zum nachhören” bestehen bleiben. beiträge zum hören sind das herzstück, die kernkompetenz des rundfunks. schließlich sind wir radiojournalisten keine zeitungsjournalisten. für uns ist text nicht das non plus ultra. wir sind auch stimm-vermittler.

die webseite vom 25. märz 2004: text follows audio

längst haben sich die internet-redaktionen in allen anstalten, nicht nur im deutschlandfunk, einen immer stärkeren stand in den rundfunkanstalten erobert. vor gefühlt 15 jahren spielten die “onliner” eine außenseiterrolle in den täglichen redaktionskonferenzen des deutschlandfunks. schon vor jahren hat sich der spieß umgedreht, und die klassischen rundfunkredakteurInnen fragen inzwischen in den sitzungen freundlich bei den online-kollegInnen an, ob ihr “spannender, höchst relevanter” beitrag vielleicht “online begleitet” werden könnte. könnte er schon, wird er aber in der regel nicht, denn die online-redaktionen führen ein eigenleben, das mit dem sender immer weniger zu tun hat.

für die dominanz der online-redaktion gibt es mehrere gründe, was zu diskutieren hier zu weit führen würde. auch die art der texte und die auswahl der themen für die webseite ist ein spannungsfeld. warum kommen zum beispiel im radioprogramm “schwierige” wissenschaftliche themen täglich vor, nämlich in der sendung “forschung aktuell”, praktisch nie aber auf der leitseite des senders? warum gibt der sender viel geld für hörspiel- und featureproduktionen aus, die sich dann aber auf der homepage nicht finden? eben weil sie “schwierig” sind, oder “zu lang”, ist zu hören.

woran macht man “schwierig” fest? natürlich, wie die privatsender und die zeitungsmedien schon immer: an den klickzahlen. seit wann richtet sich ein öffentlich finanzierter sender nach klickzahlen auf internetseiten? ich dachte, der sender macht aus seiner expertise heraus rund-funk, legt die themen fest und macht “schwierige” themen akustisch vermittelbar. das müsste sich auf den dann eben durchaus “schwierigen” internetseiten zeigen, und zwar direkt vorn, ganz oben. es gibt keine regel, wie “leicht” internetseiten zu sein haben. wer dies fordert, hat den deutschlandfunk und das internet nicht verstanden.

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