konvergenz | kostet

wenn adidas seine schuhsohlen mit 3D-druckern printet und die dafür verwendeten CAD-daten später beim verkauf online stellt, damit der kunde sich über den konfigurator seinen individualschuh zusammenstellt, heißt das konvergenz. diverse expertenschichten des betriebs konvergieren, fügen sich hier zusammen zu einem, und der kunde freut sich über das verkaufserlebnis eines individualisierten schuhs, während man ihn an die marke bindet wie nie zuvor.

dieser prozess ist in der fertigungsindustrie nicht selbstverständlich. der schuhmacher hat ja zunächst nicht viel mit dem CSS-programmierer gemein.

bei diesen in der größeren industrie weitgehend abgeschlossenen konvergenzprozessen fällt auf, dass sich die hierarchien innerhalb der firmen verschoben und wieder zurückverschoben. in zeiten, als die “mulitmedialität” ein buzzword war, waren die online-experten die kings. die anderen abteilungen, typischerweise die fertigung und der vertrieb, beknieten die onliner, doch bitte dies und das für sie zu tun, weil man merkte, das gesicht des ladens wird von außen durchs internet wahrgenommen, nicht mehr durch flugblätter, prospekte und fernsehwerbung.

die journalistischen medien kämpfen seit langem mit der multimedialität, die sie heute gern  “trimedialität” nennen, wobei TRI bei print bedeutet print + bild + film, beim rundfunk ton + bild + film – oder so ähnlich. “konvergenz” ist schicker, meint aber dasselbe.

die new york times hat vor einigen jahren videos eingeführt, die anfangs bisschen hemdsärmlig produziert waren, seit langem aber professionell aussehen, sogar (correct me if i’m wrong) colour matching zu nutzen, also die stimmige farbgebung von film zu film. gefühlt zwei jahre ist es her, dass die NYT erstmals virtual reality-filme anbot. die redakteureInnen, die die tollen artikel schreiben und dafür ausgebildet und eingestellt wurden, können das gar nicht. also heuerte man firmen an, die das können. das stellte sich als preiswerter heraus als die in-house-produktion. eine konvergenz hat die times dennoch nicht geschafft. sie ist im prinzip eine zeitung aus papier mit viel text und einigen bildern gewesen, und jetzt ist sie eine internetseite/app mit etwas anderem text, vielen vielen bildern und noch mehr kommentaren von lesern. die abrufe der videos spielen sich im marginalen bereich ab. konvergenz misslungen.

im moment setzt die new york times auf das magazinhafte und hat dann glücklicherweise profifotografen, die, man glaubt es kaum, gut texten können. siehe zum beispiel ivor pricketts bild/text-strecke über die tragik des zurückeroberten mosuls. statt die videos als videos auf die hauptseite zu stellen, promotet man artikel, die mit reichem anders-medialen content angefüttert sind, wie hier: → wasserkraftwerk am columbia river. fotos/filme von chang w. lee, text von jemandem anderen, kirk johnson.

wenn sich eine zeitung im internet präsentiert, ist das ähnlich, wie wenn sich ein fernsehprogramm im internet präsentiert. man muss das medium dafür nicht neu erfinden: das was im TV in realtime läuft, sieht im internet genauso aus, es ist nur on demand abrufbar. die fernsehsendung im internet hat ähnlich dürre textbeigaben wie der gute alte videotext. im prinzip ist fernsehen so wenig konvergent wie print – da muss nichts groß konvergieren, man muss es nur transferieren. in den führungsetagen der sender heißt das auch: “mehrere ausspielwege bedienen”.

beim hörfunk, der ins internet geht, ist die lage qualitativ anders, weil webseiten zwar töne abspielen können; aber im prinzip sind webseiten eben seiten, also dinge zum angucken, und radio ist etwas, wo man eigentlich nichts angucken muss. das ist ja das tolle und ewig merkwürdige am rundfunk, dass man beim morgens zähneputzen oder in die arbeit fahren nichts spezielles angucken muss, wenn aus dem radio oder radioplayer die informationen am morgen oder die mäßigen witze von 1live schallen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5a/Girl_listening_to_the_radio_%E2%80%93_ca._1938_-_FDR-library_27-0755M.jpg

mädchen guckt radio. quelle: wiki commons

weil aber immer mehr leute googeln, hat sich das hörverhalten geändert. viele leute suchen nach einem thema und finden dann hörfunkbeiträge auf webseiten, ohne das programm je gehört zu haben, ja ohne von dem sender jemals gehört zu haben. das fing ganz zart an: wenn jemand vor 20 jahren nach “ausländer” googelte, stieß er ziemlich sicher auf das ZDF, weil das ZDF eine der ersten öffentlich-rechtlichen webseiten überhaupt hatte und man dann einen hinweis auf eine “ausländer”-sendung fand und das manuskript per post anfordern konnte. die webseite war fast 20 jahre nicht viel mehr als ein begleittext zum programm. bald wird kaum jemand mehr das ZDF angucken, immer mehr nutzen die mediathek – diesen zweiten ausspielweg.

wenn heute jemand nach brexit googelt, beginnt hinter den kulissen ein konkurrenzkampf, wer seinen brexit-content bei google nach oben schieben kann. wer hier gar nicht dabei ist, weil er zwar tolle radiobeiträge über den brexit macht, aber keine schillernde webseite dazu generiert, die viel “traffic” zieht, gilt als digital abgehängt. die aktuelle suche nach brexit präsentiert ganz groß zwei fernsehredaktionen und eine zeitung:

webseite von google bei suche nach brexit

interessant daran ist übrigens die konvergenz der tagesschau: “vor 40 minuten” wurde gar keine tagesschau ausgestrahlt, aber die online-redaktion hat offenbar einen artikel dazu geschrieben. wenn wir darauf klicken, freut sich der NDR über den klick, vor allem aber freut sich google.

direkt darunter auf der suchseite von google setzt sich das hickhack fort. warum steht wohl zeit.de ganz oben, und warum kommen unter den ersten 10 keine öffentlich-rechtlichen rundfunkanstalten vor, die wikipedia und web.de aber schon?

weitere brexit-konkurrenz auf google

die “währung”, die dahinter steckt, ist die der aufmerksamkeit. wenn die aufmerksamkeit nicht mehr über die UKW-skala erfolgt, sondern verstärkt über google, ist das die währung, und daher kommt der konvergenzdruck – auch beim öffentlich-rechtlichen rundfunk.

dabei steht nirgends im rundfunkstaatsvertrag geschrieben, dass sich der rundfunk im www platzieren muss. er könnte das auch unterlassen, würde dann aber schnell allenfalls zum geheimtipp werden, zum geheimtipp auf UKW, und wenn UKW abgeschaltet wird, zum noch geheimeren tipp auf DAB+. denn die musik spielt nicht mehr lange über antenne, sondern im internet.

bei adidas rechnet sich die konvergenz, bei spiegel online und zeit.de wegen page impressions und werbeeinnahmen natürlich auch. beim öffentlich-rechtlichen rundfunk aber muss draufgezahlt werden.

was im moment in allen häusern passiert, ist eine bewegung des programms ins internet, wobei die online-redaktionen gestärkt werden, wie früher bei adidas – eigentlich eine verdrehung der tatsachen. die journalisten erzeugen den content, die online-kollegInnen stellen den content gut aus. den content gäbe es auch ohne internet.

die konvergenz erzeugt druck und tut weh. es knirscht, und spähne fliegen. denn die kernkompetenz des radiojournalisten, rundfunkmoderators  und -redakteurs ist das radiohandwerk, nicht das anfertigen von markengerechten fotos und videos. die fernsehleute können traditionell gut filme drehen und schneiden, aber nicht gut texten; die hörfunkleute sind gute texter, aber die meisten haben keine ahnung davon, wieviel video-footage man braucht, um einen fünfminüter hinzukriegen – sehr viel! texten für twitter funktioniert anders als teaser-texte, pressetexte oder online-texte zu schreiben. man kann sich jetzt auf den standpunkt stellen, die früher “sekretärinnen” genannten heutigen “produktionsassistenten” müssten sich halt in alle stufen der produktion einbringen – aber sollen sie den redakteuren ihre kernarbeit abnehmen, gut zu recherchieren und zu texten?

wären sie adidas oder IBM, wäre das gut durchfinanziert – und erledigt. aber im öffentlich-rechtlichen bereich muss alles “kostenneutral” durchgeführt werden; die sender bekommen ja keinen cent mehr an rundfunkgebühren. jetzt müssen sie ein artfremdes medium bedienen, mit viel verschließ intern. denn kostenneutral heißt eben, dass die redaktionen das erleben, was in die arbeitsstatistiken nicht eingeht, nämlich eine arbeitsverdichtung wie nie zuvor. es ist eine ganz grundsätzliche gesellschaftliche frage, ob man jemandem eine menge zusatzarbeit innerhalb seiner regulären arbeitszeit aufhalsen darf, nur weil er/sie es “irgendwie” kann – oder können muss. und das jeden tag. und dann der frust: die online-kollegen haben das ganze material umgestellt, falsch beschriftet usw. verschleiß, zumindest in der konvergenzphase.

typische dachmarkenstruktur. grafik: gnom/credibilty wikicommons

in den konvergenzgremien schwirrt das wort “marke” umher, immer häufiger hört man auch “dachmarke” – beides begriffe aus einem bereich, der dem neutral berichtenden gewerbe des journalismus geradezu artfremd ist, eben der werbung. werbung blendet bekanntlich, sie kann auch betriebsblind machen. ich kann mich gut erinnern, wie in einzelnen öffentlich-rechtlichen rundfunkanstalten die konkurrenz zwischen einzelnen wellen-“marken” (XX1 bis XX5) unheimlich viel raum einnahm, also die abgrenzung der submarken untereinander, der klassischen musik vom gesprochenen wort vom schlager vom hiphop vom sport von den nachrichten. das führte zu großem verschleiß bei redakteuren wie freien mitarbeitern, die jahrlang, während diese ansage galt, “wellengerecht” beiträge einkaufen und sie wellengerecht darbieten mussten. dann kamen die phasen, als man auf einmal, und am besten ab sofort, die dachmarke stärken sollte usw. was für ein verschleiß! mich fragte kürzlich jemand, ob der deutschlandfunk jetzt eine vierte welle hat, nämlich DLF24? gute frage.

es kann gut sein, dass es in 5 jahren twitter nicht mehr gibt, dass dann keiner mehr auf webseiten geht, sondern alles in apps auf smartphones abläuft. das wäre dann konvergenz pur. es kann gut sein, dass es in 10 jahren statt 50 öffentlich-rechtlichen rundfunkwellen in deutschland nur noch 15 gibt, weil es in zeiten der konvergenz irrelevant ist, ob ich BR 4 Klassik in bayern oder in niedeersachsen höre, und den DLF in berlin oder toronto. das wäre eine konvergente entwicklung des föderalen rundfunksystems. ob man’s haben will, sei dahingestellt, es wird alles betriebsintern teuer und muss alles kostenneutral abgewickelt werden. im moment bahnt sich die wellenkonvergenz bereits an: es gibt features und hörspiele, die ARD-weit gesendet werden und sich als submarken präsentieren. in den nachtprogrammen finden zusammenschaltungen statt. vor allem aber, und das merken inzwischen auch die hörer, werden in allen wellen, vom deutschlandfunk abgesehen, rundfunkbeiträge so stark reduziert, dass oft stundenlang fast nur musik zu hören ist, auch wenn die sendung noch das label des “kulturmagazins” trägt. wellen, die fast nur noch aus musik bestehen, kann man abschaffen. über spotify kann ich mir meine musikauswahl selbst zusammenstellen (lassen).

so, und jetzt konfiguriere ich mir bei adidas.com den nächsten super konvergenten superstar.

WDR-nachrichten 3’30 | na und?

dreidreißig

der aktuelle eintrag im → dokublog des SWR. und hier ebenfalls:

die so genannten WDR_Leaks, ein anonymes, ca. 2 tage bestehendes twitterereignis, verbreiteten nicht verifizierte nachrichten aus dem WDR-flurfunk, u. a. den plan der hörfunkdirektorin (ehemals antenne bayern), die nachrichten auf 3’30 minuten zu verkürzen. na und?

in dem tweet der WDR_Leaks vom 30. juni heißt es:

Die @WDR-Nachrichtenformate von @1LIVE, @WDR2, @WDR3, #WDR4 und @WDR5 sollen gestrichen werden. Ziel: Einheitsbrei bei 3m30s (inkl. Wetter).*

es gibt hier mehrere (un)interessante aspekte:

a) warum überhaupt so viele wellen?

b) warum überhaupt nachrichten zur vollen stunde?

c) was ist gegen gleiche nachrichten zu sagen? ist doch ein sender, der frühere → rotfunk.

d) warum 3’30 und nicht 5’80? oder 1’45?

ich referenziere nicht gern auf mich selbst, hier aber schon, weil ich mit vergnüngen vor einem jahr im BR just zum thema nachrichtentaktung im öffentlichen-rechtlichen rundfunk einen vortrag hielt, der → “archive sind nicht 3’30” hieß. eigentlich wollte ich in münchen davon erzählen, wie das → archivradio aus der idee entstand, der formatierung zu entkommen. es schert sich nämlich nicht um volle stunden und slots für nachrichten, sport, wetter und verkehr. und so kam ich zur stundentaktung mit diesen völlig obsolet gewordenen nachrichten zur vollen stunde.

es macht für unseren lieblingshörer, den 33jährigen zahnpastavertreter, der im auto 6 stunden von recklinghausen nach starnberg fährt, keinen sinn, 6 mal nachrichten zu hören. und es ist eine aussterbende spezies, die den WDR oder SWR, geschweige denn den HR ausgerechnet um 14.59 uhr einschaltet, um ja nicht die nachrichten zu verpassen.

überlegungen, ob man auf wie vielen wellen um 15.00 uhr 3’30 oder 1’45 minuten-nachrichten sendet, kommen aus dem letzten jahrhundert, als es noch keine internet-streams und on demand-möglichkeiten gab.

in deutschland sind die deutschlandfunkinformationen am morgen, am mittag und am abend leuchttürme in der verarmten kultur politischer rundfunkberichterstattung. die sind eine ganze stunde lang und lassen sich auf wunsch nachhören (was keiner tut). einen gegenpol dazu kann man mit 3’30 nicht bieten, aber auch nicht mit 5’45. mit längeren politischen magazinen aber schon. die kosten natürlich geld. aber nur einen bruchteil dessen, was der WDR zum beispiel in die letzte gottschalk-pleite investiert hat.


 

*für weitere flurfunken aus dem WDR → meedia.de

 

US-radio boomt | 1922

radio_us_newspapers_1922rot: “radio” in US-zeitungen 1922

dieser screenshot zeigt stark verkleinert die ersten 20 datenbankfunde bei der suche nach dem wort “radio” in nordamerikanischen zeitungen des jahrs 1922. an allen rot markierten stellen steht “radio” im text. es geht vor allem um antennen und bücher für optimalen empfang. 1922 war das startjahr für den rundfunk in den USA und großbritannien. und wie immer ist es schön, genau das andere zu lesen, also nicht das, wonach man eigentlich gesucht hat:

da wird in der zweiten zeitung von rechts oben, dem → washington herald vom 19. februar 1922, nicht nur vom neuen hobby des präsidenten erzählt (“President Harding is interested in a new hobby. It is radio.”), sondern auch vom neu-ulmer bürgermeister “rummele” (vermutlich rümmele): “German Brides Must Be Cooks”:

Mayor Rummele, moved by what sad experience no one knows but every one suspects, has issued a call to all the girls and women of this town to learn how to cook. ‘I warn you,’ thunders the mayor, ‘that I shall refuse a marriage license to every woman who cannot cook.’

ende der zeitschrift | anfang der zeitschrift

heutemorgen lief auf SWR 2 mein sondersendung darüber, → wo es mit der mediennutzung derzeit hingeht. ich hatte der redaktion “wissen” im SWR das thema anlässlich der morgen beginnenden buchmesse angeboten, also mit schwerpunkt auf die umwälzungen im print-bereich. glaube, die sendung ist ein guter vorbereiter zur buchmesse. was da mit den buchstaben passiert, ist schon schwindelerregend.

danielHöpfner_pressmatrixdaniel höpfner: “die verlage haben übersehen: nicht das gedruckte papier kostet geld, sondern der inhalt.” foto: m. s./dpa

meine startbedingungen für die recherche waren ideal, weil ich schon vorher, wenn auch nur über telefon, einige fachleute interviewte, die beim direkten treffen umso direkter sprachen. solche interviews sind highlights im journalistenalltag, und ich freue mich, ihre kerne in diese sendung habe packen zu können. nur der bei der new york times für die “timesmachine” zuständige mensch blieb dünn, weil er bei der fast halbstündigen gesprächsaufzeichnung praktisch nichts außer marketing-platitüden von sich gab. er ist in der sendung nur kurz zu hören. reichlich dagegen steffen meier vom börsenverein des deutschen buchhandels und programmierer bei readbox in dortmund. und, bild oben, daniel höpfner, mitgründer von pressmatrix in berlin. und die beiden schwestern neubauer, die das sister mag “für die digitale dame” herausgeben, ein zweimonatlich rein digital erscheinendes, ja, buch, denn mit 300 seiten kann man wohl kaum mehr von zeitschrift sprechen. aber schon in dieser argumentation merkt man: im digitalen fließt alles.

theresaUndAntoniaNeubauer_sisterMagtheresa und antonia neubauer, sister mag: “es gibt leider neben uns keine unabhängigen modezeitschriften.” foto: m. s./dpa

ein nicht unwichtiger aspekt der sendung ist das self publishing. ich habe dazu ein experiment gemacht und diesen blog in ein buch drucken lassen, einfach um zu sehen, ob es wirklich so locker geht, wie die self-publisher und book-on-demand-druckereien es versprechen. → es war nicht trivial.

uhr_buch_ausgepacktself publishing book on demand in miniauflage, frisch ausgepackt. foto: m. s./dpa

steffen meier sagt in der sendung:

“Die Marke wird im digitalen Überfluss immer wichtiger als Orientierungsmerkmal. Und hier wird es natürlich zu dem Punkt kommen, wenn Autoren selber publizieren, dass sie selber immer mehr zur Marke werden. Ich kaufe ja in der Regel immer den Bestseller-Autor XYZ und nicht ein Buch des Verlages soundso. Wie werden sich Verlagsmarken entwickeln? Das wird in den nächsten Jahren spannend sein.”

steffenMeier_buchmesse2014steffen meier, am podium der buchmesse, eine woche nach der sendung. foto: m. s.

hier ein ungeschnittener ausschnitt aus unserem interview:


steffen meier über die rolle des verlags beim e- und selfpublishing

viel spaß beim hören, und auf der buchmesse!

ist pandora radio? | aber hallo!

comScore_desktop_vs_mobile_statistik_2014comScore infografik: desktop- vs. mobile-nutzung verschiedener digitaler medien

diese von comScore für die USA im juni veröffentlichte statistik zeigt blau den abruf digitaler medien auf PCs, also vom schreibtisch aus. er fiel zwischen februar 2013 und mai 2014 von rund 55 auf 40. gleichzeitig stieg (orange-farbene kurve) die nutzung digitaler medien auf mobilen geräten wie smartphones oder tablets deutlich an. im mai 2013 hat die orange kurve die blaue überholt. [die angaben sind in %. das rechte ende zeigt 60% orange (ungestrichelt) und entsprechend 40% blau.]

das verwundert nicht und deckt sich mit den verhältnissen in deutschland: immer mehr menschen “machen” facebook nicht mehr primär am PC, sondern unterwegs, mobil. sie lesen und schreiben in facebook außerdem immer häufiger nicht über den browser, sondern über dedizierte apps; um bei facebook zu bleiben: über die facebook-app. (für einen freund von mir war diese app der grund, sich ein iPad zu kaufen.)

comScore schlüsselt die statistik weiter auf und fragte danach, welche digitalen medien hier im spiel sind. und da ist erstaunlich – und noch nicht auf europa übertragbar –, dass “radio” ganz oben steht:

comScore_desktop_vs_mobile_statistik_2014_aufgeschlüsseltcomScore infografik: nutzung verschiedener digitaler medien in den USA (mai 2014)

diese statistik zeigt, welche digitalen medien wie genutzt werden; je weiter man nach unten kommt, umso mehr werden diese medien auf PCs am schreibtisch abgerufen. in orange dargestellt die nutzung dieser medien über mobile geräte. für die zukunft im rundfunk/fernsehbereich ist die oberste zeile wichtig und bemerkenswert. sie besagt: 96% der digitalen abrufe von rundfunk geschehen auf mobilen geräten, also typischerweise unterwegs. nur 4% hören internetradio auf ihrem computer zu hause oder im büro.

noch interessanter ist, dass es sich bei “radio” gar nicht primär um klassischen rundfunk wie die BBC oder NPR handelt; den meisten “radiotraffic” erzeugt der musikstreamingdienst pandora.

was die grafiken nicht sagen, ist, wie viele leute radio über antenne (also etwa über UKW in der küche) hören.

9 sender 1925 | und wer hört zu?

in der dissertation des studenten ernst klöcker an der universität erlangen im jahre 1926 über das funkwesen in deutschland und die wirtschaftliche bedeutung des rundfunks finde ich eine statistik über die zahl der offiziell registrierten, also gebühren-zahlenden rundfunkteilnehmer im jahr 1925.

rundfunkhörerstatistik_nach_klöcker_1926rundfunkteilnehmer, aufgeschlüsselt nach sendeanstalten, 1925. nach: klöcker 1926

ich wollte mir das grafisch ansehen, denn bekanntlich können wir menschen solchen tabellen nicht sofort besonders viel abgewinnen. also ging ich zu google docs, legte eine tabelle 11 mal 10 an und bat meine frau, mir die werte in der tabelle aus dem buch vorzulesen, während ich sie eintippte. stumpfsinnig, aber nach 5 minuten erledigt. man hat dann ein digitales schätzchen, nämlich eine vielseitig auswertbare tabelle. in etwas größerem rahmen mit natürlich anderen daten wäre das ein prima anwendungsfall für data mining, um aus großen datenmengen signifikanzen herauszulesen, die wir mit bloßem auge nicht sehen. jedenfalls…

… ist google docs etwas sperrig zu bedienen. wenn man sich aber erstmal eingelesen hat, kann man aus dieser zahlenmatrix mit wenigen mausklicks verschiedene visualisierungen erzeugen. ich legte für die wikipedia diese hier an:

Rundfunkteilnehmer_1925_nach_Sendern[bei klick wir die grafik größer.]

nach oben sind die registrierten hörer eingetragen, und zwar in verschiedenen farben, die den einzelnen sendern zugeordnet sind. nach rechts verläuft die zeit, von ende 1924 (da war der “unterhaltungsrundfunk”, wie er damals hieß, genau 1 jahr alt) bis september 1925. man sieht, dass berlin viele mehr hörer hatte als alle anderen; die hörerzahl stieg innerhalb des jahres von unter 200.000 auf über 300.000, flachte aber im sommer 1925 ab. die schwächere zunahme der hörerschaft ist auch bei allen anderen sendern zu verzeichnen, bei manchen, etwa frankfurt, hamburg oder königsberg in preussen, gingen die zahlen sogar leicht zurück. der autor des buchs hat seine zahlen vom reichspostministerium und kann nur mutmaßen, ob es an einer, wie er sich ausdrückt, “rundfunkmüdigkeit” liegt oder an schlechter empfangsqualität wegen zu schwacher sendeleistung. in der ersten euphorie meldeten sich viele interessierte an, merkten dann aber, dass der empfang nicht optimal war. münchens sender etwa hatte nur eine reichweite von 25 km, also etwa bis freising oder starnberg, und wurde 1926 durch einen 10 kilowatt-sender ersetzt, der viel weiter reichte und auch von älteren rundfunkgeräten empfangen werden konnte.

wegen der dominanz des berliner senders ist die grafik oben nicht gut zu gebrauchen, um die hörerzahlen der kleineren sender zu beurteilen. mit der tabelle in der rückhand kann man ohne aufwand beliebige parameter darstellen, zum beispiel nur die entwicklung der rundfunkteilnehmerzahl für münchen:

Rundfunkteilnehmer_1925_Münchenin der eingangsgrafik oben sind alle sender zu sehen, und wenn man genau hinsieht, schneiden sich einige kurven, was in der realität heißt: ein sender überholt einen anderen; leipzig überholt münchen, und, schwerer zu sehen, münster überholt stuttgart. wenn man die drei hörerärmsten sender auflistet, sieht man, wie stuttgart und münster sich umschlängeln:

Rundfunkteilnehmer_1925_nach_3_Sendernim summendiagramm können wir die gesamtzahl der rundfunkteilnehmer sehen (also etwa 800.000 im spätsommer 1925). wir sehen hier aber auch, dass berlin (der untere hellblaue bereich) fast so “dick” ist wie alle anderen zusammen. der sender berlin hatte mehr als ein drittel der hörer aller deutschen sender:

Rundfunkteilnehmer_1925_nach_Sendern_total

der radio-händler | 1936

der radio-händler - august 1936titelblatt der ausgabe vom august 1936

typische recherche:

  • ich gucke die ebay-rubrik mit antiquarischen zeitschriften durch, gebe das stichwort “rundfunk” ein und finde unter anderem den “radio-händler”, diverse ausgaben von 1933–1938, von privat zu verkaufen.
  • um mir ein solches heft mal anzugucken, biete ich 2 €, werde sofort überboten, biete 3,52 €. paar tage später geht die auktion zu ende, in den letzten sekunden schaukelt sich der preis hoch zu 28 €. dasselbe spiel mit weiteren ausgaben.
  • ich frage eine nette kollegin im deutschen rundfunkarchiv, ob ihr eine zeitschrift dieses namens schon untergekommen ist, denn das DRA ist reich bestückt, auch mit rundfunkliteratur. die antwort: nein, haben wir leider nicht.
  • dann befrage ich mal die deutsche nationalbibliothek und die zeitschriftendatenbank. in der DNB werde ich nicht fündig, in der ZDB aber schon: Der Radio-Händler : Fachblatt für d. Handel mit Radioartikeln ; Rundschau über d. gesamte Radiotechnik. – Berlin   [1.]1923 – [4.]1926; 5.1927 – 15.1938. erhältlich in bibliotheken in münchen, berlin, leipzig und köln. in köln sogar an drei orten, unter anderem in der universitätsbibliothek. dort finden sich einige jahrgänge aus den 1930er jahren, also auch die, die bei ebay pro exemplar für über 20 € versteigert werden.
  • ich schwinge mich aufs rad, fahre zur kölner unibib und nehme mir die ersten beiden hefte des 1936er-stapels vor. zwei hefte, eine stunde staunen. das kann ja heiter werden…

der-radiohändler-1936

DDR-Rockband Karat | 1984 in meiner sendung

Karat live - Patrick Baumbachkarat 2005, fotografiert von patrick baumbach für die wiki commons

im februar 1984 moderierte ich schon etwa zwei jahre regelmäßig die musiksendung im BR-zündfunk am freitag. damals stellte ich vor allem neuerscheinungen aus dem sagen wir mal progressiven rock vor. dazu gehörten sicher nicht peter maffay und die DDR-band karat. und dann kam die anfrage: karat ist in münchen, wollt ihr die band nicht in den zündfunk einladen? ich sagte ungern zu, weil der deal war, nicht über politik zu reden. und so war das gespräch denn auch etwas verklemmt und eierte um den heißen brei herum. anfangs sprechen wir über den karat-song “über sieben brücken musst du gehen” (ein hit von peter maffay), und wo bei einer aussage wie “wenn du ausdauer hast, wird’s schon irgendwie ins paradies gehen” der klassenkampf bliebe? die antwort war: das ist ein altes polnisches märchen, nichts weiter.

aus dem mitschnitt vom 17. februar 1984 habe ich jetzt die musiken weitgehend eleminiert, weil ich mit dieser webseite nicht in lizenzschwierigkeiten geraten möchte.

 

karat in der BR/zündfunk-sendung vom 17. februar 1984

rundfunkgeschichte | bbc hand book 1929

gestern einige wikipediaeinträge mithilfe des bbc hand books 1929 geschrieben. das hand book ist ein wunderbarer reader für frühe, aber nicht ganz frühe rundfunktechnik und -ästhetik.

bbc hand-book 1929

Fernsehgottesdienste gehen auf Rundfunkübertragungen von Gottesdiensten zurück. Mit diesen hatte die BBC bereits wenige Jahre nach dem Start des Rundfunks 1923 reichlich Erfahrung. Das BBC Hand Book von 1929 widmet den „Broadcasts from Cathedrals“ (Übertragungen aus großen Kirchen) ein eigenes Kapitel, wo unter anderem die Mikrofonierung beschrieben wird:

„Die Hörer der Sendungen aus der Kathedrale von Canterbury haben sicher die vielen Schwierigkeiten kaum wahrgenommen, die wir mit ungünstigem Resonanzhall seit der ersten Übertragung hatten. Heute ist die Balance zwischen Orgel und Chor praktisch perfekt, aber es steckte dahinter erhebliches Experimentieren. Normalerweise sind vier Mikrofone im Einsatz. Eine feste Verkabelung besteht nur zur Kanzel; die anderen richten sich nach den jeweilig aktuellen Gegebenheiten.“

1923 startete der Rundfunk. Die Rundfunkanstalten trennten schon wenig später den Kontrollraum vom Aufnahmeraum ab. Zuvor standen Schauspieler und Techniker in einem Raum um das Mikrofon herum. 1929 spricht die BBC in ihrem Hand Book erstmals von „‚Mixing‘ Studios“ und erklärt den noch in Anführungszeichen gesetzten Begriff so: In längeren Rundfunkproduktionen wie zum Beispiel Hörspielen, die damals live aufgeführt wurden, gab es zwei Typen von Klangquellen – die Sprechstimmen und die Geräusche. Ursprünglich waren beide in einem Raum untergebracht, aber die Hörer beschwerten sich, bei lauten Effektgeräuschen der Erzählung nicht mehr folgen zu können. Als Konsequenz lagerte der Londoner Sender die „Noise Effects“ (Gewitter durch große Metallfolien, Pferdegalopp durch Stein auf Stein usw.) in einen gesonderten Raum aus; die Effektemacher hörten über Kopfhörer mit, was im Sprecherraum geschah.

„Die Klänge beider Studios wurden über Leitungen an ein zentrales Schaltpult übermittelt, das der leitende Produzent bediente. Dieser war dadurch in der Lage, die beiden Tonquellen in den exakt benötigten Mengen zu ‚mischen‘.“

Das Konzept war so erfolgreich, dass der Sender große Produktionen Ende der 1920er Jahre mit mehr als drei Studios fuhr. In einem saß ein Orchester, in einem anderen eine Band; auch die Schauspieler wurden in Gruppen getrennt, um verschiedene Akustiken herzustellen. Das Mischpult hieß damals noch „Switchboard“, also Schaltpult.

Als um 1930 das Schneiden von Schallplatten Standardtechnik zum Konservieren von Klängen in guter Qualität war, schossen Plattenfirmen und damit zusammenhängend Musikstudios aus dem Boden

1923 startete der Rundfunk. Bühnenschauspieler und Kabarettisten, die nun im Radio auftraten, fanden das Mikrofon irritierend. Zu einem Mikrofon, statt zu einem Publikum zu sprechen, war gewöhnungsbedürftig; außerdem waren Mikrofone in den späten 1920er Jahren bereits so empfindlich, dass man nicht mehr in sie hineinschreien musste. Das BBC Hand Book von 1929 widmet dem Mikrofon ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „My Friend Mike“ (Mike als englische Kurzform für Mikrofon):

„Ich kenne Mike schon lange. Erstmals bin ich ihm 1922 begegnet. Er hatte damals noch keinen Thron, sondern hing so herum. Ich glaube, er ist sehr empfindlich, denn man wickelt ihn in Baumwolltücher. Ich mag Mike, weil er immer so gut von mir spricht und nie krank ist und mich Menschen vorstellt, die ich ohne ihn nie kennengelernt hätte.“

kurze audioclips, die mal bei wikipedia waren

brief intro in english: here’s a collection of short interview segments which once resided in the wikipedia universe but were deleted due to problemens with the creative commons rules. feel free to listen, but don’t copy!

hier versammle ich einige kurze interview-originaltöne, die ich mal der wikipedia zur verfügung gestellt hatte, die aber dort – manche nach jahren – wieder gelöscht wurden. grund sind die strengen regeln für freies wissen. die millionen an bildern und tausende an sounds und filmen müssen der regel CC genügen – creative commons. und das heißt u. a., dass zum beispiel mein interviewschnipsel mit steve jobs von einer werbefirma kostenlos für einen clip über zahnpasta genutzt werden dürfte – wofür ich von steve jobs natürlich kein einverständnis mehr holen kann. nichtmal von apple könnte ich es einholen, denn damals war steve jobs nicht mehr und gerade noch nicht wieder bei apple.

hier dagegen kann ich die interview-takes problemlos versammeln und muss dazu sagen, dass sie nicht CC sind. das heißt, Sie dürfen sie nicht kopieren und weiterverwenden, ohne mein einverständnis. und das können Sie erfragen bei max.schoenherr ät web.de. ich lege außerdem die ein oder andere sache bei, die nicht bei wikipedia war, etwa sendemitschnitte im zündfunk.

steve jobs on computer graphics and the laser printer  – interview segment, recorded at neXt in redwood city, 1995

tom araya, singer of the death metal band slayer, on writing lyrics  – interview segment, recorded in munich, 1989

der medienarcheologe wolfgang ernst über die langlebigkeit der wikipedia – interview-ausschnitt, aufgenommen in berlin 2012

joey ramone, singer of the punkrock band the ramones, on singing aggressively – interview segment, recorded in new york city, 1988

joseph weizenbaum, kurzer ausschnitt aus einer BR/zündfunk-sendung vom juli 1991

DDR-rockband karat in der BR/zündfunk-sendung vom 17. februar 1984

hörer hätscheln | wdr 5 lebensart

cuddling

wohlfühlhätscheln (foto von wikipedianer loliloli)

es gibt einige grundregeln im rundfunkjournalismus, zum beispiel die, den hörer nicht zu hätscheln. der hörer ist ein mensch auf augenhöhe, also behandelt ihn der moderator ordentlich, nicht anbiedernd. das gilt für die hörer, für die die rundfunkmacher ihr programm machen, ebenso wie für die hörer, die live in der sendung anrufen.

zu den hörer hätschelnden sendern gehören fast alle privaten, denn sie gieren aus rein ökonomischen interessen heraus darauf, den hörer für gewinnspiele, staumeldungen etc. zu ködern. bei den öffentlich-rechtlichen sendern wäre das nicht nötig, es passiert trotzdem in den “leichten wellen”. leichte wellen sind solche, deren ziel es ist, den hörer dezent zu unterhalten und nicht zu stören, weder mit wort, noch mit musik.

aber auch wellen mit eigentlich hohen wort- und inhaltsanteilen wie wdr 5 biedern sich dem hörer an und machen über lange strecken “wohlfühlprogramm”. die indizien für die anbiederung sind, dass der moderator die sendung mit einem satz wie “schön, dass Sie da sind”, “schön, dass Sie eingeschaltet haben” beginnt. das kann man auf verschiedene weisen sagen. eine weibliche stimme, die das sehr nah in ihr studiomikrofon haucht, ist besonders schlimm. es geht weiter mit einer an touristenanimationen in ägyptischen freizeitresorts erinnernde umwerbung des hörers, schon bevor er anruft: er möge doch jetzt bitte bitte anrufen. und wenn er dann anruft, der hörer, wird er, ganz gleich, was er sagt, hauptsache es ist einigermaßen nett, umgarnt und umsorgt.

wdr5gestern in der live-sendung wdr5 lebensart war das prototypisch der fall. es ging um die geschichte des festnetztelefons. eigentlich eine interessante geschichte (hatte bismarck ein telefon? wie hat hitler mit stalin telefoniert? war der mondscheintarif der deutschen post in den 1970er jahren eigentlich ein kommerzieller erfolg oder ein markendebakel?), aber die live in der sendung anrufenden hörer erzählten das, was die moderatorin schon in ihren zwei eingangsmoderationen ange”teasert” hat: nette geschichten, die jeder kennt. jeder hörer wurde von ihr eingepackt in ein “schön, dass Sie angerufen haben” und ein “tolle geschichte, vielen vielen dank!” entsprechend wohlfühlerisch riefen die nächsten hörer an, es war eine ganz unangenehm verhätschelte stunde.

das problem damit ist, dass es verschenkte (niemand erfährt etwas wirklich neues), peinliche (ein streichelzoo ist immer peinlich) sendezeit ist. ein nostalgisches thema wie dieses ist besonders gefährdet. der moderator muss die hörer streng führen, und dazu gehört es, von anfang an die wohlfühldecke peinlichst zu meiden. das bedeutet in der praxis, keine wohlfühlworte, und den hörer knapp halten; nicht, um ihm weh zu tun, sondern um meinungen zu sammeln. vielleicht hat der fünfte anrufer eine geschichte zu erzählen, die weder nostalgisch, noch stammtischhaft ist. journalistisches grundhandwerk von rundfunkmoderatoren.

es gibt im deutschen hörfunk zahlreiche beispiele, wo dieses anbiederungsbewusstsein vorhanden ist und die sendung mit ihrer frechheit oder trockenheit oder wahren empathie fesselt (1live, deutschlandfunk, domian). in wdr 5 ist es über große programmstrecken nicht vorhanden, und die gestrige ausgabe von “lebensArt” (wer kam denn auf das große A mitten wort?) mit dem titel “hörer im gespräch – telefongeschichten” war ein prototyp für diese erbärmlichkeit.

multimedia, virtual reality, immersion à la 1926

Ludwig Kapeller 1957 - Foto Fritz Eschendas ist ludwig kapeller, fotografiert 1957 von fritz eschen, gefunden bei der deutschen digitalen bibliothek www.ddb.de; die bilddatei liegt bei der deutschen fotothek [Datensatz-Nr.: obj 70243499] der besuch bei www.deutschefotothek.de in dresden lohnt sich.

aber ich wollte von ludwig kapeller erzählen, über den ich wenig weiß; er muss ein sehr junger autor gewesen sein, als er (siehe unten) im UHU-magazin 1926 eine vision von multimedialität, virtual reality und immersion zeichnete, die für eine sehr scharfe beobachtungsgabe sprach. von kapeller ist wenig biografisches bekannt; er war unter anderem schriftleiter in der rundfunkzeitschrift der nazis Der Rundfunk und konnte deswegen nach dem zweiten weltkrieg nicht die steile karriere, zum beispiel bei axel springer, verfolgen, wie er es wünschte. kapeller hat romane geschrieben, vor allem aber in seinen frühen jahren sachtexte über das neue medium rundfunk.

„Der Rundfunk von morgen: ein Druck auf den Knopf, und rauschender Schall, mit Tiefen und Perspektiven; und noch ein Druck: bewegtes Bild, Ton und Klang illustrierend, eine Drehung am Hebel, und England kommt, Boxkampf in London, mit Fäustekrachen und Schmerzensstöhnen, mit den raschen Gesten der Kämpfer; oder Amerika meldet sich, mit Jazz-Band-Synkopen und den schwarzen Gesichtern der ‚Chocolate-Kiddies‘; oder Rom mit Verdiklängen, mit den bunten Bildern italienischer Opern. Oder plötzlich, unheimlich, erleben wir gräßlich im ‚505‘, von meerumpeitschender Rundfunk-Regie irgendwo inszeniert, mit Sirenengeheul und Wogenprall, mit Verzweiflungsschreien, einen Untergang der ‚Titanic‘, nächtliches Bild menschlichen Todeskampfes. Und übermorgen vielleicht: der plastische, farbige, sprechende Rundfunk-Film, Erlebnis mit allen Sinnen erfassend und durch die Technik meistern, daß durch den Druck auf schwarzen Knopf Millionen Erlebenshungriger es sich enthülle.“

Ludwig Kapeller: Rundfunk von morgen, in Uhu, Ullstein Berlin Oktober 1926, S. 70

tragbares radio | eine vision von 1925

1925 war der rundfunk 2 jahre jung, und feuilletonisten machten sich gedanken darüber, was es mit dieser neuen technik auf sich hat, wie sie sich in die mediengeschichte einordnet und wohin sie führen kann. ein solcher visionär war ludwig kapeller, später NSDAP-mitglied, autor für rundfunkzeitschriften in der SBZ (vorläufer der DDR), dann beim springer-verlag berlin. zu kapellers karriere siehe <1>. kapeller breitete in heft 1/1926 des UHU (ullstein verlag) seine vorstellungen von einem rundfunk (und übrigens auch von einem fernsehen) der zukunft aus. der maler nikolai wassilieffbarotinski (sozialdemokrat) lieferte zwei herrliche illustrationen. dies hier ist eine davon, zum thema des tragbaren rundfunkempfängers, untertitel “Die Radiostation in der Tasche”:

Die-Radiostation-in-der-Tasche---UHU-1025---Nikolai-Wassilieff-Barotinski

bit, byte, gebissen – das computermagazin im zündfunk (1989)

BitByteGebissenBandkarton

das bild oben ist ein 1987er-zuspielband, weiter unten – und darum geht es hier – ist ein mitschnitt der sendung “bit, byte, gebissen – das computermagazin im zündfunk” vom 22. Mai 1989 zu hören: “computertalk II”. er ist aus mehreren gründen interessant. ich erläutere das später.

ich hatte drei junge männer im studio im 7. stockwerk des sendekomplexes von bayern 2, meinen computer über ein modem mit der telefonleitung verbunden, die nummer einer so genannten “mailbox” angewählt und mich in ein chat-forum (das damals noch nicht so hieß) eingeloggt. mein deckname war dort “rost”.

während der sendung tauschten sich meine studiogäste live von rechner zu rechner mit den anderen computernerds aus; diese kommentierten die musik usw. das thema der sendung selbst war der übergang vom heimcomputer commodore 64 zu den windows-PCs sowie den “68000er“-rechnern amiga, atari ST und apple macintosh. dabei sprachen wir auch das btx und das monopol der deutschen bundespost auf jegliche form der datenkommunikation (auch fax!) an. und den frauenmangel unter den mailbox-usern.

alle drei studiogäste – zwischen 18 und ca. 21 jahre alt – hießen michael, zwei davon, insbesondere der heutige krimi-regisseur michael schneider, waren über einige jahre säulen der sendung, vor allem weil sie spiele testeten und mir anregungen aus der szene gaben.

 

ein großteil der sendung ist lockerer plausch. es ging wirklich ziemlich entspannt im studio zu, auch wenn sich manches, insbesondere meine  moderation, im rückblick etwas bemüht locker anhört. signifikant ist die sendung unter anderem deswegen, weil es damals das world wide web noch nicht gab (erst vier jahre später), die bundespost selbst die benutzung unseres 300-baud-modems eigentlich nicht erlaubte (die BR-hierarchen wussten nichts davon), es viele junge menschen massiv in die vernetzung trieb. alles lief damals noch über text, und die einwahl in die mailbox war von den telefongebühren abhängig, die damals happig waren. um von münchen aus in einer hamburger mailbox mit der langsamen datenrate einige nachrichten herunterzuladen, war man schnell einige mark los. deswegen schlossen sich damals einige der 300 mailbox-betreiber zusammen und tauschten nachts ihre datenbestände zu den billigeren telefontarifen nach 1 uhr aus.

auch wie hohl und wegen der kürzelsprache im rundfunk nicht elegant zitierbar die chats waren, ist interessant: da hat sich gegenüber icq und sms wenig geändert.

der mitschnitt befand sich auf einer tonbandcassette. aus rechtlichen gründen musste ich die musik entfernen. die sendung war im original exakt 30 minuten lang. die musik am ende war meine erste selbst komponierte fürs radio. ich wusste damals noch nicht, dass man sie bei der gema hätte anmelden können. auch der jingle zur überleitung zu den zündfunk-nachrichten war von mir; es spricht das wort “nachrichten” der schriftsteller helmut kraußer. helmuts stimme setzte ich gern ein, er selber wollte aber lieber seine eigenen texte lesen. damals schon.