mit wachsplatte im | DRA

hinter wachs (von ca. 1925). foto: muriel favre

der nächste große archivradio-stream bahnt sich an: die kompletten original-o-töne aus dem reichstag der weimarer republik. wir nennen das “reichstagsdebatten vor hitlers machtergreifung”. läuft ab märz im → SWR2 archivradio. muriel favre musste ich dazu überreden, das foto zu machen, denn ihr schien meine schwere spiegelreflexkamera verdächtig. muriel ist wissenschaftliche dokumentarin am → deutschen rundfunkarchiv und leitet den ca. 24-stündigen stream mit einem einstündigen interview ein. sie kennt die genesis der bänder, die vorher folien und noch vorher eben solche wachsplatten waren und über das haus des rundfunks in berlin ca. 1942 in ein → salzlager in grasleben kamen, 1945 von den britischen befreiern an die BBC übergeben wurden – und nach weiteren stationen im DRA landeten, wo ich sie fand. na ja, nicht fand; für mich und das archivradio entdeckte. historiker dürfen sich jetzt schon mal die finger lecken, denn so klar und eindringlich wie in diesen debatten ist der niedergang der weimarer demokratie nirgends zu hören gewesen.

reichstagssitzung 23.2. | 1932

kurt schumacher im reichstag 1932

dieser kurze ausschnitt aus schumachers rede vom 23. februar 1932 fand gegen ende eines turbulenten tags im berliner reichstag statt. die turbulenz kam durch eine rede des nationalsozialisten joseph goebbels zustande, der die SPD die partei der deserteure nannte. gemeint war die verweigerungshandlung der sozialdemokraten gegen kriegsende.

Wenn wir irgend etwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Tatsache, daß ihm zum erstenmal in der deutschen Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist.

zwei sätze später nennt er übrigens drei NSDAP-mitglieder, die ihm unterstellt hätten, sich im 1. weltkrieg selbst verwundet zu haben, “untermenschen” – ein begriff, den die nazis später bekanntlich für alles nicht-“arische” verwendeten.

elli barczatis-prozess 1955 | ungekürzt im archivradio

barczatis_laurenz_collage

gerade informierte mich ralf kölbel, online-experte bei SWR 2, dass er damit fertig ist: soeben ging eins der aufregendsten und bemerkenswertesten originaltondokumente der letzten jahre online, und zwar in ungekürzter länge von mehreren stunden:

der strafprozess gegen elli barczatis und karl laurenz 1955 vor dem höchsten gericht der DDR. unkommentierter originalton. aus dem tonarchiv der stasiunterlagenbehörde BStU.

so etwas, finde ich, ist [eigene brust-klopf] öffentlich-rechtlicher rundfunk in reinform. das → archivradio ist so konzipiert, dass es als einziges medium in deutschland  ungekürzte originaltöne aus deutschen tonarchiven sendet, vor allem aus den rundfunkarchiven, und in einigen ausnahmefällen auch aus anderen quasi-öffentlich-rechtlichen oder staatlichen archiven. das archivradio (einfache webadress: archivradio.de) sendet nicht über UKW, sondern nur übers internet.

der spionageprozess gegen das liebespaar ist ein schauerliches beispiel von DDR-unrechtsjustiz. auch BRD-gerichte sprachen, vor allem mit ihren ex-nazi-richtern, noch bis in die 1970er jahre hinein reichlich unrecht, aber es gab keine todesstrafe.

der prozess-o-ton liegt mir schon länger vor; es gibt eine einstündige fassung als WDR-feature sowie ein hörbuch beim schweizer verlag christoph merian. die premiere heute besteht darin, dass der o-ton in kompletter länge von etwa fünf stunden läuft. er wird das noch einige tage tun, also wird man beim hineinhören immer andere passagen erwischen.

hintergrundinfos über den beginn des projekts und seine beteiligten finden sich → hier auf meiner homepage. auch hier im UHR-blog gibt es einige infos → hier und → hier.

eine sondersendung zu diesem stream sendet SWR 2 am 1. november 2014 um 15 uhr. → hier der link zu der sendung.

archive sind nicht 3’30 | vortrag auf dem forum essay

forum essay diskussionsrundeforum essay, schlussdiskussionsrunde. foto: BR

am 8. mai hatte mich der bayerische rundfunk zu einem symposium über dokumentar-o-töne im hörfunk eingeladen. grund waren zwei dokumentar-features im WDR (stammheim-bänder und fallbeil für gänseblümchen).

ich schmiss den geplanten vortrag kurz zuvor um, weil mir die frage der 21jährigen bekannten meiner tochter nicht aus dem kopf ging. sie wollte nach einem besuch im deutschlandfunk von mir wissen, warum eigentlich jede stunde nachrichten kommen, wo sich sowieso kaum was ändert?

mein vortrag beginnt mit dieser frage und stellt dann das ganze konzept der stundentaktung im öffentlich-rechtlichen rundfunk infrage. danach komme ich zur durchhörbarkeit, also zum formatradio, und schließlich zu den archiv-o-tönen, die ich seit 2007 im archivradio ohne rücksicht auf vorgegebene längen und formate streamen kann. für mich eine große befreiung.

eigentlich ist das ganze ein plädoyer für die alte forderung: die form muss dem inhalt folgen, nicht umgekehrt.

der veranstalter, martin zeyn, hat mir übrigens gegen ende des vortrags explizit erlaubt, zu überziehen, sodass ich erst nach über einer halben stunde fertig bin ;-)

archive sind nicht 3’30