der planet | herschel

sonnensystem nach bartholomew burges 1789

im 18. jahrhundert kartografierten die astronomen emsig das sonnensystem. sie kannten fast alle planeten und die zusammenhänge zwischen umlaufbahnen. am 13. märz 1781, also nur wenige jahre vor burges’ planetenatlas, entdeckte der britische, in deutschland aufgewachsene mathematiker → wilhelm herschel einen ziemlich weit entfernten, aber großen planeten. anfangs, wie im sonnenatlas von 1789, hieß der planet nach seinem entdecker:

detail von oben

erst ein halbes jahrhundert später setzte sich der heute bekannte name des planeten herschel durch: → uranus. übrigens der vater von saturn und großvater jupiter.

voyager 2 aufnahme des uranus

der kaiser in | prag

schau, franz josef, der brunnen leuchtet!

im spätsommer 1891 besuchte franz josef I mal wieder prag, diesmal das messegelände. er wäre gern auch kaiser von böhmen geworden, und die meisten böhmen wollten das auch, aber allzu dringlich war das thema dann doch nicht. ob er mit sissi kam, kann ich der medaille nicht entnehmen. sie stammt von meinem opa, der die österreichische monarchie schätzte und schon allein deswegen (vor allem aber aus anderen gründen) erklärter antifaschist war.

der kaiser in prag

das bild unten zeigt die kaiserin in einem zu lebzeiten nicht veröffentlichten gemälde von franz xaver winterhalter.

nur für des kaisers augen bestimmt: sissi

james cook | kriegsentscheidend

in londons british library läuft zurzeit eine ausstellung zu james cooks drei expeditionen. die erste begann vor genau 250 jahren. die ausstellung ist für eine bibliothek typisch gestelzt und unelegant angelegt, also keinen besuch wert.

cook hat als marineoffizier vor seiner weltreise etwas erstaunliches und für einen offizier untypisches getan: den den sankt-lorenz-strom bei quebec so präzise aufzuzeichnen, dass die briten leichtes spiel hatten, dort einzumarschieren. dieser aspekt fehlt meines erachtens in der ausstellung, aber in der deutschen wikipedia steht er.

verbrechens | leugner

von hab nichts davon gewusst-typen wimmelte es noch jahrzehnte nach dem holocaust. ganz besonders übel ist der fall → kurt franz. er kam jetzt wieder zutage, weil → claude lanzmann gestorben ist, in dessen film → shoa eben dieser kurt franz zu beginn bis in kleinste details die vernichtung neu angekommener juden im → KZ treblinka schilderte. bei treblinka ist “KZ” fast falsch, denn die tötung funktionierte da ohne große unterbringung der häftlinge. kurt franz sagt in shoa, dass die frauen bisschen länger “brauchten”, bis sie sich entkleidet und die haare haben abschneiden lassen, bis zu eineinhalb stunden. dann gingen sie in einen gekrümmten, mit zweigen schön dekorierten gang – direkt in die gaskammer.

treblinka: 1) ankunft, 2) entkleidung, 3) vergasung. meist unter 1 stunde.

kurt franz wurde wegen seiner leitenden funktionen und seiner extremen brutalität zu lebenslänglich verurteilt, bekam aber relativ früh freigang. er war durchaus aukunftsfreudig. während der lanzmann alles emotionslos erzählte, gab er im späteren WDR-interview den falsch verstandenen: er hätte mit dem holocaust nichts zu tun gehabt und es von anfang an abgelehnt, juden zu töten – denn er habe in ratingen auch einen sehr netten jüdischen freund gehabt. auch den tötungsvorgang selbst wollte er nicht gesehen haben, allerdings die hinten aufgetürmten leichen, die dann auf einem rost in den ofen kamen. dafür sei ein anderer zuständig gewesen. ein witz, denn kurt franz war erst lagerkoch, später lagerkommandant, und das lager war so übersichtlich, die gaskammern mussten so regelmäßig nachbestückt und mit gift versorgt werden… wennn ich heute höre, dass der vorsitzende einer im bundestag sitzenden fraktion die judenvernichtungszeit als → “vogelschiss” in der deutschen geschichte bezeichnet, kann ich nur kotzen.

hier → die lange WDR-doku aus den 1990er jahren (sowas wäre heute nicht mehr im WDR möglich; zu lang, zu wenig regionales, zu “schwer verdaulich”, zu weit weg vom “zuschauer”). franz tritt sonnigen gemüts bei 2 stunden 21 minuten auf. und weil er so mit seinen „freundschaften“ mit juden in ratingen prahlt, auch dazu ein link: http://www.stadt-ratingen.de/…/e-books/KurtFranzQuecke70.pdf

heute sendete der deutschlandfunk → die rede von feridan zaimoglu anlässlich des klagenfurter literaturpreises. er spricht nicht vom holocaust, aber voller wut und ekel von allen menschen ohne gewissen.

5 pop sunday | mitschnitte

ich habe ungefähr 20 cassetten mit pop sunday-mitschnitten, meist, wie auch bei diesen fünf, mit sendungen, die ich produziert habe. hier abgebildet thomas meineckes “Politische Sendung” (thomas war damals der unpolitischste von uns allen ;-), “13 pessimistische Gedichte” – die erste veröffentlichung von helmut kraußer (er war damals 16), “Urwaldprotokolle” von ulrich klenner (heute hörspielredakteur im BR), “Ein Zweikampf” von thomas brasch, und “Paris” von thomas palzer vom oktober 1983.

fünf mitschnitte von pop sunday-sendungen, späte 1970er, frühe 1980er jahre

schiffchen für den | globus 1524

schnitte für einen globus, 1524. made in ingolstadt, sizilien im boot unten rechts

immer wieder werde ich gefragt, warum man ein panorama oder eine VR-ansicht nicht einfach auf papier drucken oder auf einer webseite darstellen kann. ich weiß, das ist schwer zu verstehen, denn wir gucken nunmal herum und denken, das ist wie beim fotografieren, wo wir auch herumgucken und abdrücken.

nein, es gibt ein grundsätzliches problem der projektion. eine kugel, wie man sie in der realen und virtuellen realität um sich herum sieht – hinten die kirche, vorn die kneipe, links das auto, rechts der kleine park, oben der bewölkte himmel, unten der aufgerissene asphalt – lässt sich auch mit 1000 fotos nicht auf eine fläche kleben.

jeder, der mal aus einem atlas eine doppelseite herausgerissen hat, um sie auf eine kugel zu kleben, wird merken: die kugel erzeugt durch ihre krümmung knicke im papier! schon mal einen fußball mit selbstverständlich flächigem papier eingepackt?

im bild oben sieht man scheinbar schiffchen, in wirklichkeit aber ist es eine methode, um eine flächige landkarte so aufzuschneiden, dass man sie faltenfrei auf eine kugel kleben und eben einen globus herstellen kann. dazu steht begleitend auf der → webseite der library of congress:

Zweiter gedruckter Globus, → Peter Apianus: in dessen Cosmographicus liber, 1524, sich bereits ein Globus mit Gestell abgebildet befinden

300 jahre später dann schon etwas schmuckvoller, joseph franz kaiser aus graz:

sieht auf twitter auch gut aus.

weltkarte des al-idrisi | 1154 n. Ch.

london exakt in der bildmitte, köln oben links

die amerikanische nationalbibliothek in washington DC, also die library of congress, hat eine schier unermessliche zahl an hochauflösend digitalisierten landkarten. ich stieß heute auf diese aus dem jahr 1154 nach christus, angefertigt von dem weltreisenden → Abu Abd Allah Muhammad ibn Muhammad ibn Abd Allah ibn Idris al-Idrisi. sie zeigt die weltkarte, damals noch stark europa-zentriert. wenn man sie öffnet, nämlich → hier, erkennt man nichts. das liegt daran, dass al-idrisi, übrigens von sizilien aus denkend, den norden nach unten legt. so auch in dem detailausschnitt oben, wo london rechts von köln liegt. ich drehe mal die karte um 180°, sodass zwar die beschriftung auf dem kopf steht, wir aber zumindest in ansätzen gibraltar, italien, kreta und ein riesiges sizilien erkennen.

um 180° gedrehte weltkarte

köln süd und ost von | oben

dank des krassen wetters heute lieferte die drohne schön kontrastreiche fotos ab. eine halbe stunde später wäre das ganz anders gewesen. bild oben: blick auf den kölner osten, mit deutz, der arena, bildmitte die severinsbrücke, rechts die kranhäuser. das foto besteht aus 7 einzelaufnahmen, die in lightroom (was jetzt lightroom classic heißt) sehr ordentlich zusammengebaut wurden. das foto darunter entstand beim runterholen der drohne – typische routine-dokumentation der baustelle rund um das eingestürzte historische archiv. dazu unten der metadaten-beschreibungstext für dpa.

köln blick von der südstadt nach osten. im original 6000 pixel breit. foto: ms/dpa

kölns teuerste baustelle: waidmarkt. foto: ms/dpa

 

dazu der dpa-text:

2009 stürzte das Kölner Historische Archiv ein. Im Januar 2018 begann der Prozess gegen die Betreiber des U-Bahn-Baus, die laut Staatsanwaltschaft dafür verantwortlich sind. Die Baustelle ist zwecks Beweissicherung seit Jahren Tag und Nacht bewacht. In der Aufnahme ist links die inzwischen frei geräumte Stelle zu sehen, wo das Archivgebäude und das angrenzende Nachbargebäude standen. Unten im Bild eine Stelle archeologischer Signifikanz: Hier sind seit dem Dezember 2017 Ausgrabungen aktiv, weitere Baumaßnahmen unterbleiben. Oben im Foto ist das Kaiser Wilhelm Gynmasium zu sehen, unmittelbar daneben der offene U-Bahn-Schacht und das so genannte “Besichtigungsbauwerk”, welches der Beweissicherung für die Prozesse dient. Aufgenommen in der Kölner Südstadt am 16.01.2018. Foto: Maximilian Schönherr

 

mit wachsplatte im | DRA

hinter wachs (von ca. 1925). foto: muriel favre

der nächste große archivradio-stream bahnt sich an: die kompletten original-o-töne aus dem reichstag der weimarer republik. wir nennen das “reichstagsdebatten vor hitlers machtergreifung”. läuft ab märz im → SWR2 archivradio. muriel favre musste ich dazu überreden, das foto zu machen, denn ihr schien meine schwere spiegelreflexkamera verdächtig. muriel ist wissenschaftliche dokumentarin am → deutschen rundfunkarchiv und leitet den ca. 24-stündigen stream mit einem einstündigen interview ein. sie kennt die genesis der bänder, die vorher folien und noch vorher eben solche wachsplatten waren und über das haus des rundfunks in berlin ca. 1942 in ein → salzlager in grasleben kamen, 1945 von den britischen befreiern an die BBC übergeben wurden – und nach weiteren stationen im DRA landeten, wo ich sie fand. na ja, nicht fand; für mich und das archivradio entdeckte. historiker dürfen sich jetzt schon mal die hände reiben, denn so klar und eindringlich wie in diesen debatten ist der niedergang der weimarer demokratie nirgends zu hören gewesen.