5 pop sunday | mitschnitte

ich habe ungefähr 20 cassetten mit pop sunday-mitschnitten, meist, wie auch bei diesen fünf, mit sendungen, die ich produziert habe. hier abgebildet thomas meineckes “Politische Sendung” (thomas war damals der unpolitischste von uns allen ;-), “13 pessimistische Gedichte” – die erste veröffentlichung von helmut kraußer (er war damals 16), “Urwaldprotokolle” von ulrich klenner (heute hörspielredakteur im BR), “Ein Zweikampf” von thomas brasch, und “Paris” von thomas palzer vom oktober 1983.

fünf mitschnitte von pop sunday-sendungen, späte 1970er, frühe 1980er jahre

schiffchen für den | globus 1524

schnitte für einen globus, 1524. made in ingolstadt, sizilien im boot unten rechts

immer wieder werde ich gefragt, warum man ein panorama oder eine VR-ansicht nicht einfach auf papier drucken oder auf einer webseite darstellen kann. ich weiß, das ist schwer zu verstehen, denn wir gucken nunmal herum und denken, das ist wie beim fotografieren, wo wir auch herumgucken und abdrücken.

nein, es gibt ein grundsätzliches problem der projektion. eine kugel, wie man sie in der realen und virtuellen realität um sich herum sieht – hinten die kirche, vorn die kneipe, links das auto, rechts der kleine park, oben der bewölkte himmel, unten der aufgerissene asphalt – lässt sich auch mit 1000 fotos nicht auf eine fläche kleben.

jeder, der mal aus einem atlas eine doppelseite herausgerissen hat, um sie auf eine kugel zu kleben, wird merken: die kugel erzeugt durch ihre krümmung knicke im papier! schon mal einen fußball mit selbstverständlich flächigem papier eingepackt?

im bild oben sieht man scheinbar schiffchen, in wirklichkeit aber ist es eine methode, um eine flächige landkarte so aufzuschneiden, dass man sie faltenfrei auf eine kugel kleben und eben einen globus herstellen kann. dazu steht begleitend auf der → webseite der library of congress:

Zweiter gedruckter Globus, → Peter Apianus: in dessen Cosmographicus liber, 1524, sich bereits ein Globus mit Gestell abgebildet befinden

300 jahre später dann schon etwas schmuckvoller, joseph franz kaiser aus graz:

sieht auf twitter auch gut aus.

weltkarte des al-idrisi | 1154 n. Ch.

london exakt in der bildmitte, köln oben links

die amerikanische nationalbibliothek in washington DC, also die library of congress, hat eine schier unermessliche zahl an hochauflösend digitalisierten landkarten. ich stieß heute auf diese aus dem jahr 1154 nach christus, angefertigt von dem weltreisenden → Abu Abd Allah Muhammad ibn Muhammad ibn Abd Allah ibn Idris al-Idrisi. sie zeigt die weltkarte, damals noch stark europa-zentriert. wenn man sie öffnet, nämlich → hier, erkennt man nichts. das liegt daran, dass al-idrisi, übrigens von sizilien aus denkend, den norden nach unten legt. so auch in dem detailausschnitt oben, wo london rechts von köln liegt. ich drehe mal die karte um 180°, sodass zwar die beschriftung auf dem kopf steht, wir aber zumindest in ansätzen gibraltar, italien, kreta und ein riesiges sizilien erkennen.

um 180° gedrehte weltkarte

köln süd und ost von | oben

dank des krassen wetters heute lieferte die drohne schön kontrastreiche fotos ab. eine halbe stunde später wäre das ganz anders gewesen. bild oben: blick auf den kölner osten, mit deutz, der arena, bildmitte die severinsbrücke, rechts die kranhäuser. das foto besteht aus 7 einzelaufnahmen, die in lightroom (was jetzt lightroom classic heißt) sehr ordentlich zusammengebaut wurden. das foto darunter entstand beim runterholen der drohne – typische routine-dokumentation der baustelle rund um das eingestürzte historische archiv. dazu unten der metadaten-beschreibungstext für dpa.

köln blick von der südstadt nach osten. im original 6000 pixel breit. foto: ms/dpa

kölns teuerste baustelle: waidmarkt. foto: ms/dpa

 

dazu der dpa-text:

2009 stürzte das Kölner Historische Archiv ein. Im Januar 2018 begann der Prozess gegen die Betreiber des U-Bahn-Baus, die laut Staatsanwaltschaft dafür verantwortlich sind. Die Baustelle ist zwecks Beweissicherung seit Jahren Tag und Nacht bewacht. In der Aufnahme ist links die inzwischen frei geräumte Stelle zu sehen, wo das Archivgebäude und das angrenzende Nachbargebäude standen. Unten im Bild eine Stelle archeologischer Signifikanz: Hier sind seit dem Dezember 2017 Ausgrabungen aktiv, weitere Baumaßnahmen unterbleiben. Oben im Foto ist das Kaiser Wilhelm Gynmasium zu sehen, unmittelbar daneben der offene U-Bahn-Schacht und das so genannte “Besichtigungsbauwerk”, welches der Beweissicherung für die Prozesse dient. Aufgenommen in der Kölner Südstadt am 16.01.2018. Foto: Maximilian Schönherr

 

mit wachsplatte im | DRA

hinter wachs (von ca. 1925). foto: muriel favre

der nächste große archivradio-stream bahnt sich an: die kompletten original-o-töne aus dem reichstag der weimarer republik. wir nennen das “reichstagsdebatten vor hitlers machtergreifung”. läuft ab märz im → SWR2 archivradio. muriel favre musste ich dazu überreden, das foto zu machen, denn ihr schien meine schwere spiegelreflexkamera verdächtig. muriel ist wissenschaftliche dokumentarin am → deutschen rundfunkarchiv und leitet den ca. 24-stündigen stream mit einem einstündigen interview ein. sie kennt die genesis der bänder, die vorher folien und noch vorher eben solche wachsplatten waren und über das haus des rundfunks in berlin ca. 1942 in ein → salzlager in grasleben kamen, 1945 von den britischen befreiern an die BBC übergeben wurden – und nach weiteren stationen im DRA landeten, wo ich sie fand. na ja, nicht fand; für mich und das archivradio entdeckte. historiker dürfen sich jetzt schon mal die hände reiben, denn so klar und eindringlich wie in diesen debatten ist der niedergang der weimarer demokratie nirgends zu hören gewesen.

queen in ausgabe | 4

vier ausgaben hat es gedauert, bis erstmals in der londoner times das wort “queen” vorkam – wenn auch nur in form ihres palasts. es gab damals den king → george III und seine frau, die queen, die zeitweise im buckinham palast lebte, → sophie charlotte von meklenburg. die beiden wurden quasi verheiratet, ohne sich zu kennen. die ehe aber funktionierte offenbar gut. die beiden waren sogar im heutigen sinn modern, weil sie ihre kinder selbst erzogen und weniger im prunk als vielmehr zurückgezogen im südwest-londoner park kew gardens lebten. beide wikipedia-artikel sind lesenswert.

hier die seite 2 der times vom mittwoch, den 5. januar 1785:

 

linkskritik an US | vietnamkrieg

die library of congress beherbergt unzählige zeitungsausschnitte, die die CIA gesammelt hat. in → diesem dokument haben CIA-mitarbeiter im juli 1966, zur hoch-zeit des vietnam-kriegs, zwei ausschnitte aus der US- und der deutschen presse nebeneinandergeklebt. sie handeln beide von kriegsverbrechen, der amerikanische vor allem von kriegsverbrechen der vietkongs gegen amerikanische kriegsgefangene, der deutsche in klar anti-amerikanischer diktion vom kriegverbrechen vietnam-krieg. welche deutsche zeitung das abdruckte (es liest sich wie DDR-presse, ist es aber vermutlich nicht), ist nicht bekannt.

in den zwei ausschnitten aus diesem dokument ist folgendes zu lesen. links wird als pervers und gegen jegliche menschenrechte verstoßend dargestellt, dass die vietkongs amerikanische kriegsgefangene nicht kriegsgefangene, sondern piraten nennen, sie zur schau stellen, ihnen komische klamotten überziehen und sie foltern. der irrsinn der politik weist hier direkt auf das gefangenenlager guantanamo 40 jahre später: hier wurden vermeintliche krieger in namenlose staatenlose terroristen eingestuft und ohne gerichtsprozess endlos festgehalten, gedemütigt, gefoltert.

im rechten, dem deutschen textteil, ist zu lesen, wie die bundesregierung mit den amerikanern zusammenarbeiten, um deutsche männer zu US-kampfpiloten auszubilden. einer davon, der auch in dem artikel erwähnt wird, war → dieter dengler (aus dem schwarzwald) war ein in laos und vietnam berüchtigter kampfpilot, der abgeschossen, gefoltert wurde und dem dann die flucht gelang.

am waidmarkt wird | geschürft

2009 ließ der KvB?/Bilfinger?-pfusch das historische archiv der stadt köln einstürzen. seit sommer 2017 ließ der neue eigentümer des nachbargebäudes das gebäude abreißen. beim versuch, das fundament zu begradigen (und vielleicht eine tiefgarage anzulegen), fielen den baggerführern offenbar gemäuer auf, die ihnen nicht ganz geheuer waren. seit heute haben archeologen übernommen.

fotos: ms/dpa

hitler schlank und | kräftig

1922 war adolf hitler ein kleines licht, aber mit immerhin schon einer ansehnlichen gefolgschaft. die kunde von dem schlanken, aber kräftig gebauten 34jährigen reichte bereits so früh bis in die deutschsprachigen gegenden der USA, wie hier in die neu-ulm post in minnesota. es war der erste eintrag über hitler in der überlieferten US-presse.

new-ulm post, 24. november 1922

unreifes österreich | 1865

auf der suche nach frühen erwähnungen von “tax reform” in amerikanischen parlamentsdokumenten stieß ich auf einen band von 1865, veröffentlicht 1866, in dem der österreichische diplomat und erzkatholizist graf  von thun zitiert wird: eine steuerreform in österreich sei undenkbar, denn es gingen reihenweise haushalte bankrott, so käme man nie zu einem ausgeglichenen staatshaushalt.

leo graf thun, lithographie von josef kriehuber, 1850

kommen wir zu einem in etwa gleichaltrigen amerikaner, der österreich als diplomat zumindest entfernt kannte. holland lag ihm näher: john lothrop motley:

 

john lothrop motley, foto von mathew b. brady, 1860

österreich war 1865/66 ein einer finanzkrise und einer politischen zwickmühle, die sich im deutschen krieg zu seinen ungunsten auflöste. es ging um die frage, ob österreich oder preußen das sagen hat. die preußen provozierten mit dem antrag, österreich möge sich eine parlamentarische verfassung geben, und marschierten in holstein ein, was damals von österreich regiert wurde. nach der verlorenen schlacht bei königgrätz 1866 stellte sich das wirtschaftlich schon vorher fast bankrotte land neu auf und wandte sich ungarn als partner zu. im norden entstand langsam das deutsche reich, im südosten die österreichisch-ungarische monarchie.

Szene aus der kriegsentscheidenden Schlacht bei Königgrätz (Gemälde von Georg Bleibtreu)

die schlacht bei königgrätz 1866, gemalt von georg bleibtreu

worauf ich aber eigentlich hinaus wollte, ist die diplomatische korrespondenz des US-präsidenten vom juni 1865. hier fiel erstmals in den amerikanischen aufzeichnungen das wort “tax reform”, und zwar im zusammenhang mit einer österreichischen steuerreform, die das land wirtschaftlich hätte retten sollen, aber nicht können, weil die menschen so arm waren, dass sie höhere steuern eh hätten nicht zahlen können.

dieser teil des buchs ist der diplomatischen korrespondenz gewidmet, also der sicht amerikas auf den rest der welt. eine seite zuvor beschreibt der US-diplomat und erklärte anti-katholik john lothrop motley, dass demokratische strukuturen in österreich “nicht möglich, kaum vorstellbar oder wünschenswert” seien. aber auch so wie es jetzt sei, könne man von österreich keine große wirtschaftliche bedeutung erwarten, denn klassenunterschiede verhinderten dies. die mehrheit der österreicher arbeite 12 stunden täglich und verdiene nur 1/10tel dessen, was ihre amerikanischen arbeiter nach hause brächten.

etwas weiter oben bringt der damals 51jährige historiker österreich in verbindung mit den niederlanden – letztere eines seiner lieblingsthemen: ein protestantisches land auf erfolgskurs. wörtlich übersetzt:

“Zweifels ohne hat Österreich riesige, geradezu unerschöpfliche Ressourcen. Aber das ist kaum mehr als eine leere Phrase. Die Ressourcen von Mexiko sind enorm, soe wie auch die der Türkei, während die nationalen Ressourcen Hollands praktisch null sind. Trotzdem ist Holland immer wieder einer der reichsten und produktivsten Staaten der Welt.”


dokumentenquelle:
Message of the President of the United States, and accompanying documents, to the two Houses of Congress, at the commencement of the first session of the Thirty-ninth Congress. Part III.

phonograph und | euphonia

the times, 21. januar 1888, s. 5

in diesem artikel von vor 130 jahren beschreibt die times eine neue erfindung des thomas alva edison, seinen neuen phonographen. der alte war für edison nur eine schnapsidee gewesen, lässt der artikel anklingen, jetzt wird es ernst. sein erster phonograph wurde genau 10 jahre zuvor vorgestellt und basierte auf rotierenden zylinderfolien, währen die neue maschine wachszylinder nutzte, von denen noch viele in archiven wie dem DRA erhalten sind. auch im WDR fand ich vor 10 jahren an der sprichwörtlich tiefsten stelle des ton-archivs edisonwalzen für den phonograph II herumliegen. es stand damals die frage im raum, ob man die walzen ans DRA zum digitalisieren schicken sollte. sie waren weitgehend unbeschriftet.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f0/Euphonia.London.Journal.1870.png

fabers euphonia

in dem artikel der times wird konkurrenz genannt, allen voran ein “faber”. der war gar nicht leicht zu recherchieren, denn in den wikipedien fehlen artikel über ihn. es handelt sich um den in freiburg geborenen joseph faber, der am polytechnikum in wien mathematik studierte und 1840 die sprechmaschine → euphonia vorstellte. das heimorgelgroße gerät mit 16 tasten und blasebalg war ein flop. auch in den USA kam er damit nicht an. ein hinweis, dass die zeit noch nicht reif war. faber nahm sich 1850 das leben, nachdem er angeblich seine euphonia zerstört hatte.

in den wikipedia-artikel über den→ phonographen habe ich jetzt faber reingeschrieben. um einen eigenen artikel über ihn zu starten, brauche ich noch mehr biographische informationen und eine zweite quelle. [edit: die infos fand ich, zwar nicht reichlich, aber genügend. jetzt gibt es einen → artikel über faber in der wikipedia.]

die jahre zwischen 1877 und 1888 waren für edison und den rest der welt spannend, weil er zwei viel wesentlichere dinge erfand und gnadenlos vermarktete: die glühbirne und das elektrokraftwerk. er wusste, ohne elektrizität keine glühlampen, und weil er sich bis zuletzt seine karten nicht aus der hand nehmen ließ, baute er gleich beides. die tonreproduktion war nur ein netter zugewinn.

abriss neben | stadtarchivloch

gebäudeabriss im zentrum kölns. foto: ms/dpa

seit dem frühsommer wird am abriss des gebäudes links gearbeitet. im september fiel der größte teil der mitte (rot eingefärbt), seit heute geht es an den linken gebäudeteil. das gebäude grenzte wand an wand am 2009 wegen u-bahn-baupfusch eingestürzten historischen archiv der stadt köln. das archiv rutschte quasi von der rechten wand des blauen gebäudeteils nach unten.

rechts habe ich das so genannte “besichtigungsbauwerk” umgrenzt. es dient der beweisfindung für den einsturz, also dem erstellen diverser grundwassergutachten. es kostete den steuerzahler viele millionen und täglich mehr.

klimawandel ≠ klimawechsel

new york times vom 21. mai 1893

dieser artikel ist der erste in der new york times, der von climate change erzählt. ich musste einiges lesen, bis ich verstand, dass hier nicht der klimawandel, sondern die vielen unterschiedlichen klimazonen in dem damals noch nicht so bekannten australien gemeint waren. quasi ein bericht für touristen, die sich nicht wundern sollen, dass es in sydney so viel regnet, und etwas weiter südlich gar nicht mehr.

1932 ging die forschung auf wieder einen anderen klimawandel ein, nämlich den im tertiär-zeitalter vor 60 millionen jahren, als viele tierarten in andere zonen emigrierten. auch nicht der klimawandel, um den es heute geht.

anthropologischer klimawandel. NYT, 13.märz 1932