skelettiertes erbarmen nach | BWV 721

xaver varnus spielt BWV 721

die aria „erbarme dich“ aus der matthäus-passion ist ein gassenhauer und von zeitloser schönheit. der ungarische organist → xaver varnus hat jetzt eine völlig skelettierte version der orgelversion davon eingespielt, auf einer kleinen, fast 300 jahre alten orgel in einer kleinen kirche von → felsőörs. felsőörs liegt mitten in ungarn. die orgel ist weitgehend intakt, die tasten sind uneben, es gibt nur ein manual, einige pfeifen klingen unsauber. xaver varnus spielt das um 1704 komponierte stück für orgel „erbarme dich, o herre gott“ mit einem hackenden stakkato der linken hand, sehr ungewöhnlich für das, auch in orgel-transkription meist süßlich vorgetragene werk.

weil die orgel bekanntlich keine anschlagsdynamik der tasten kennt, nutzt varnus den hauchigen an- und schnellen ausklang der pfeifen, indem er die tasten der linken hand immer nur kurz anschlägt, sodass die pfeifen gar nicht groß durchgeblasen werden. damit wird er dem instrument gerecht und liefert eine der bemerkenswertesten interpretationen von BWV 721. auch → philip glass, dem minimalisten, würde das gefallen. aber das ist eine andere geschichte und führt zu weit.

siehe (und höre) dazu auch „erbarme dich“ aus der viel berühmteren matthäus-passion in einer → relativ aktuellen (mit countertenor) und einer → sehr alten aufnahme mit → marian anderson. beide werke haben etwa die gleiche länge, ähnliche bassfiguren, und sind in h-moll angelegt.

mike oldfield mit tränen | BBC fernsehen

tubular-bells-cover-und-noten

bbc 4 sendete dieser tage ein portrait von mike oldfield: → Tubular Bells: The Mike Oldfield Story. [von deutschland aus leider nicht ansehbar, es sei denn man nutzt VPN.] mike oldfield war 16, als er die musik für seine mit 19 veröffentlichte platte „tubular bells“ schrieb. [im wikipedia-artikel steht, dass er da 20 war, im film ist aber von 19 die rede.]

man muss dazu wissen, dass die frühen 1970er jahre die zweite aufbruchphase der rockmusik waren; die zweite deswegen, weil man sich anders als zuvor dinge traute, die weit über die komposition und exposition eines songs hinausgingen. die letzten beatles-platten sind prachtbeispiele dafür. die neuerscheinungen waren damals übersichtlich, und mike oldfields verbogenes metallrohr fiel in jeder hinsicht auf. wer das musikmotiv kennt, wird die zeit spüren, aus der es kommt. die schallplatte widersprach drei damals gängigen grundsätzen: sie enthielt ein einziges stück (statt 10), niemand sang, und es spielte kein schlagzeug. dass sie trotzdem veröffentlicht wurde, war mehreren leuten zu verdanken, die dem oft weinenden, depressiven jungen mike hilfe anboten und ihn mit richard „virgin“ branson bekannt machten.

der film zeigt prima, dass branson keine ahnung von musik hatte, aber wusste, wie er geld machen konnte: durch gründung eines neuen plattenlabels, eben virgin records. auch wenn er mike oldfields stück für völlig daneben hielt, presste er es als erstes virgin record release.

an der dokumentation ist auch interessant, wie lange es dauerte, bis sich dieses sperrige werk herumsprach. es war schließlich so in aller köpfe, dass es dem regisseur von Der Exorzist (1973) ganz natürlich schien, tubular bells als leitmotiv zu benutzen.

mike oldfield selbst durchlitt in seiner jugend zwei traumata, von denen er sich praktisch nie erholte, ein wenig aber immerhin durch urschreitherapie: den verlust seiner mutter und ein LSD-horrortrip. im nachgang erzählt er in dem film, dass tubular bells dieses lebensgefühl konzentriert darstellte und er später nie etwas so tiefes hat komponieren können.

als ich diesen beitrag auf facebook postete, kam unter anderem die reaktion meines freundes und kollegen christoph w., der die platte damals auch toll fand, jedoch „ummagumma“ noch toller. an dieser reaktion sieht man, dass die szene der experimentellen neuen rockmusik damals klein war. denn natürlich kannte jeder, der tubular bells im regal stehen hatte, auch pink floyds damals sensationelle scheibe ummagumma mit einem nicht weniger aufregenden cover:

ummagumma---pink-floyd-covernoch so ein kaliber damals: ummagumma

man könnte jetzt im kollektiven gedächtnis der in den 1950er geborenen weitergehen, dann käme man schnell auf tarkus… auch hier: ein cover, das damals schwerst beeindruckte.

n.b.: der partiturausschnitt oben stammt aus der wikipedia. ein benutzer namens boris fernbacher hat sie erstellt. als ich nachgucken wollte, was er sonst noch macht, stieß ich auf die meldung, dass er aus mehreren gründen gesperrt wurde. nachzulesen → hier.