amazing voice | repairs

iZotope’s RX6 does amazing things to recorded audio, especially voices. there are three versions of the recently released software. here i demonstrate the middle one, called standard edition.
iZotopes RX6 ist ein erstaunliches neues software-werkzeug zum reparieren von aufnahmen, vor allem von sprachaufnahmen. von den kürzlich erschienenen drei versionen stelle ich die features der mittleren („standard“) vor.

the presets for voice control

let’s for a start check the list. there’s an audio example in german below.
sehen wir uns zunächst die liste der möglichkeiten an.

  • breath control senkt die lautstärker von atmern zwischen den worten/sätzen heraus.
  • de-bleed rechnet die dezenten rückkopplungen weg, die wir bekommen, wenn wir über kopfhörer aufnehmen. der sound des kopfhörers, besonders wenn er nicht ganz dicht am ohr sitzt und man sehr laut abhört, „blutet“ in den raum und wird dann übers mikro mit aufgenommen.
  • de-click rechnet das klicken heraus, das bei musikaufnahmen entsteht, wenn die band nach einem klick spielt.
  • de-clip versucht, übersteuertes audiomaterial erträglich anhörbar zu machen. normalerweise klingen digitale übersteuerungen schrecklich.
  • de-crackle holt das für schallplatten typische knistern heraus.
  • de-ess ist ein de-esser. davon gibt es viele am markt (und kostenlos). de-ess senkt die scharfen s- und sch-laute in der lautstärke ab.
  • de-hum bezieht sich vor allem auf elektrogitarren, die gern ihr brummen mit in die aufnahmen übertragen.
  • de-plose senkt die plopps ab, wenn wir trotz plopp-schutz mit unseren explosiv-vokalen p und t die mikromembran überreizen.
  • de-reverb versucht, hallig oder mit viel raum aufgenommene o-töne trocken zu legen. siehe das beispiel unten.
  • interpolate ersetzt unregelmäßig auftretende klicks, die unter stimmen liegen, durch benachbarte sounds.
  • mouth de-click nimmt die schmatzgeräusche bei zu trockenem mund beim sprechen weg.
  • spectral denoise ist ein anspruchsvolles werkzeug, um aufnahmen zu ent-rauschen.
  • spectral repair ersetzt kurze störgeräusche wie sich bei der aufnahme öffnende türen durch benachbartes material.
  • voice de-noise ist ein enthaucher. das tool nimmt der stimme den rauchig-kratzigen ausklang.

RX 6 de-reverb

the screenshot above shows you the de-reverb at work. i use it as a plug-in (1), but you may launch RX 6 as a standalone application as well. (2) is the original audio, and (3) the processing window. orange: the dynamic reduction of certain frequencies after a brief learning phase.
im screenshot oben ist die arbeit des moduls zu sehen, das versucht, den hall herauszurechnen. (1) zeigt, dass ich RX6 als plug-in geladen habe. es funktioniert aber auch standalone. (2) ist der originalsound, eine reportage in einem großen, halligen raum. (3) zeigt, wie de-reverb arbeitet. nach einem lernvorgang zieht es dynamisch (also icht an jeder stelle gleich) bestimmte frequenzanteile ab (orange farbe).

 

iZotope RX 6 standard, de-reverb test (german)

 

the next test is about de-plopping, here named „de-plosive“ (german)
im nächsten take entferne ich mit „de-plosive“ zwei mikroplopps im wort „armaTurenBrett“. ich lasse das werkzeug nicht lokal auf diese stelle zureifen, sondern sie selbst finden.

 

de-plosive test (german)

 

i think the next feature is only available in RX6 advanced. it’s called voice denoise. it extracts (up to a certain degree) unwanted background noise. after processing the audio in (first) adaptive and then learned mode, i finalize the audio with NEUTRON in the small version (elements) which works as an adaptive realtime selective equalizer. (audio in german)
jetzt geht es an ein feature, das, glaube ich, nur in der RX6 advanced ausgabe drin ist, auch in der demo-version: voice denoise. es dient dazu, hintergrundgeräusche wegzunehmen, um die vorderen stimmen präsenter zu machen. am schluss dieses tests setzte ich NEUTRON elements ein, um die stimme noch präsenter zu machen.

 

voice-denoise (german)

getting audio ready for | broadcast

tieline’s reportIT app

i did an interview the other day for national public radio here in cologne, germany, with a scientist 400 km away, in hamburg. like other high quality radio stations we more and more move from telephone acoustics to better means of audio quality.

so i asked → microbiologist cornelia gessner if she could install a radio compatible app (reportIT enterprise) on her smartphone, so that we could do the interview via that app. the app is based on a tieline codec for live compression. the audio quality live is good*, and i recorded that stream last night locally when i interviewed conny. we encountered some glitches during streaming. but the locally stored wav on conny’s phone was perfect – not as good as if i had visted hamburg with my marvellous sennheiser stereo mike, but a really good quality.

ich habe gestern abend ein interview für den deutschlandfunk mit einer wissenschaftlerin 400 km weit weg in hamburg geführt. weil der DLF wie auch die BBC radio 4 und andere hochwertige sender nicht mehr so gern telefon-o-ton senden, bat ich → cornelia geßner (so heißt die mikrobiologin), sich eine app auf ihrem smartphone zu installieren, mit der sie in guter tonqualität über den schaltraum zu mir ins studio kommt – ohne zum beispiel in den NDR gehen zu müssen, wo ad hoc eh kein studio frei gewesen wäre.

ich schnitt das interview lokal mit, wobei ich mal wieder die streaming-qualitäten von reportIT testen konnte. es ging über weite strecken gut, aber es gab auch paar herbe aussetzer*. natürlich war die datei auf connys phone lokal als wav gespeichert und wanderte via ftp-transfer zum DLF, wo ich sie mir vorgenommen habe.

RX6 de-click

in the audio examples below you first hear two examples of the compressed audio versus the uncompressed wav in conny’s phone. then you hear some postproduction, first using iZotope’s RX6 de-clicker (without modification; worked brilliantly) and finally doing some intelligent EQing with iZotope’s neutron. it has a preset called „female dialogue“ – wonderful.

the differences are certainly barely audible for non professionals. but for us radio pros the do make a bit difference.

in dem audiobeispiel unten beginne ich mit zwei beispielen der live (also mit codec) übertragenen vs. die als wav lokal abgespeicherten dateien. dann wende ich, weil sich clicks, vermutlich von einem ring an connys finger, durch das ganze interview ziehen, den de-clicker von iZotope’s RX6 an. funktionierte sofort, keinerlei finetuning nötig. schließlich wärmte ich connys stimme noch etwas mit neutron, ebenfalls von iZotope, an. neutron besteht aus einem sagen wir mal intelligenten equalizer, der hier mit einem preset „female dialogue“ schon gut funktionierte, aber mit der lernfunktion noch besser.

die unterschiede sind für laien kaum zu hören, aber für uns rundfunkprofis ganz erheblich. enjoy.

iZotope’s neutron elements

tieline codec, RX6 de-click und neutron EQ (deutsch)

tieline codec, RX6 de-click and neutron EQ (english)

 

cornelia gessner in her laboratory in new zealand. photo: gemmell lab


*typical tieline codec glitch, although we had good wifi connection

 

lernen beim | entrauschen

RX6 spectral denoising lernt dazu.

ich habe mir nach einigem überlegen und antesten iZotope → RX6 in der standardversion gekauft, weil es einen qualitätssprung gegenüber allem darstellt, was es vorher gab. RX6 dient der restauration von audiomaterial, typischerweise verkratzten schallplatten. wofür wir rundfunkjournalisten es brauchen können, ist unter anderem das an zauberei grenzende wegrechnen von hallfahnen und von hintergrundgeräuschen, etwa wenn wir interviews auf messen oder kongressen machen. (für „dialogue isolate“ muss man allerdings tiefer in die tasche greifen, RX6 advance)

hier zeige ich anhand eines o-tons aus dem deutschen rundfunkarchiv von 1932, wie ihn der in RX6 enthaltene spectral denoiser säubert. wenn – wie im screenshot oben – „learn“ aktiviert ist, hört sich die software außerdem den ganzen o-ton an, und je mehr sie hört, desto besser passt sie adaptiv (also nicht pauschal über die ganze strecke hinweg, sondern individuell, fortschreitend) das entrauschen an.


beispiel von spectral denoising anhand einer reichstagsrede 1932

diesen originalton bereite ich fürs SWR2-archivradio auf. wir werden ihn aber mit all seinem rauschen streamen, denn das archivradio präsentiert originaltöne in originallänge und ohne weitere manipulation. aber für diesen test kam mir der 85jährige take gerade recht.

unten ein screenshot mit den für uns rundfunkleute hervorgehobenen features. ich bekomme dafür keinen cent, ich habe das programm gekauft, und ich lobe es so, wie ich → gestern adobe premiere verdammt habe.

konvergenz | kostet

wenn adidas seine schuhsohlen mit 3D-druckern printet und die dafür verwendeten CAD-daten später beim verkauf online stellt, damit der kunde sich über den konfigurator seinen individualschuh zusammenstellt, heißt das konvergenz. diverse expertenschichten des betriebs konvergieren, fügen sich hier zusammen zu einem, und der kunde freut sich über das verkaufserlebnis eines individualisierten schuhs, während man ihn an die marke bindet wie nie zuvor.

dieser prozess ist in der fertigungsindustrie nicht selbstverständlich. der schuhmacher hat ja zunächst nicht viel mit dem CSS-programmierer gemein.

bei diesen in der größeren industrie weitgehend abgeschlossenen konvergenzprozessen fällt auf, dass sich die hierarchien innerhalb der firmen verschoben und wieder zurückverschoben. in zeiten, als die „mulitmedialität“ ein buzzword war, waren die online-experten die kings. die anderen abteilungen, typischerweise die fertigung und der vertrieb, beknieten die onliner, doch bitte dies und das für sie zu tun, weil man merkte, das gesicht des ladens wird von außen durchs internet wahrgenommen, nicht mehr durch flugblätter, prospekte und fernsehwerbung.

die journalistischen medien kämpfen seit langem mit der multimedialität, die sie heute gern  „trimedialität“ nennen, wobei TRI bei print bedeutet print + bild + film, beim rundfunk ton + bild + film – oder so ähnlich. „konvergenz“ ist schicker, meint aber dasselbe.

die new york times hat vor einigen jahren videos eingeführt, die anfangs bisschen hemdsärmlig produziert waren, seit langem aber professionell aussehen, sogar (correct me if i’m wrong) colour matching zu nutzen, also die stimmige farbgebung von film zu film. gefühlt zwei jahre ist es her, dass die NYT erstmals virtual reality-filme anbot. die redakteureInnen, die die tollen artikel schreiben und dafür ausgebildet und eingestellt wurden, können das gar nicht. also heuerte man firmen an, die das können. das stellte sich als preiswerter heraus als die in-house-produktion. eine konvergenz hat die times dennoch nicht geschafft. sie ist im prinzip eine zeitung aus papier mit viel text und einigen bildern gewesen, und jetzt ist sie eine internetseite/app mit etwas anderem text, vielen vielen bildern und noch mehr kommentaren von lesern. die abrufe der videos spielen sich im marginalen bereich ab. konvergenz misslungen.

im moment setzt die new york times auf das magazinhafte und hat dann glücklicherweise profifotografen, die, man glaubt es kaum, gut texten können. siehe zum beispiel ivor pricketts bild/text-strecke über die tragik des zurückeroberten mosuls. statt die videos als videos auf die hauptseite zu stellen, promotet man artikel, die mit reichem anders-medialen content angefüttert sind, wie hier: → wasserkraftwerk am columbia river. fotos/filme von chang w. lee, text von jemandem anderen, kirk johnson.

wenn sich eine zeitung im internet präsentiert, ist das ähnlich, wie wenn sich ein fernsehprogramm im internet präsentiert. man muss das medium dafür nicht neu erfinden: das was im TV in realtime läuft, sieht im internet genauso aus, es ist nur on demand abrufbar. die fernsehsendung im internet hat ähnlich dürre textbeigaben wie der gute alte videotext. im prinzip ist fernsehen so wenig konvergent wie print – da muss nichts groß konvergieren, man muss es nur transferieren. in den führungsetagen der sender heißt das auch: „mehrere ausspielwege bedienen“.

beim hörfunk, der ins internet geht, ist die lage qualitativ anders, weil webseiten zwar töne abspielen können; aber im prinzip sind webseiten eben seiten, also dinge zum angucken, und radio ist etwas, wo man eigentlich nichts angucken muss. das ist ja das tolle und ewig merkwürdige am rundfunk, dass man beim morgens zähneputzen oder in die arbeit fahren nichts spezielles angucken muss, wenn aus dem radio oder radioplayer die informationen am morgen oder die mäßigen witze von 1live schallen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5a/Girl_listening_to_the_radio_%E2%80%93_ca._1938_-_FDR-library_27-0755M.jpg

mädchen guckt radio. quelle: wiki commons

weil aber immer mehr leute googeln, hat sich das hörverhalten geändert. viele leute suchen nach einem thema und finden dann hörfunkbeiträge auf webseiten, ohne das programm je gehört zu haben, ja ohne von dem sender jemals gehört zu haben. das fing ganz zart an: wenn jemand vor 20 jahren nach „ausländer“ googelte, stieß er ziemlich sicher auf das ZDF, weil das ZDF eine der ersten öffentlich-rechtlichen webseiten überhaupt hatte und man dann einen hinweis auf eine „ausländer“-sendung fand und das manuskript per post anfordern konnte. die webseite war fast 20 jahre nicht viel mehr als ein begleittext zum programm. bald wird kaum jemand mehr das ZDF angucken, immer mehr nutzen die mediathek – diesen zweiten ausspielweg.

wenn heute jemand nach brexit googelt, beginnt hinter den kulissen ein konkurrenzkampf, wer seinen brexit-content bei google nach oben schieben kann. wer hier gar nicht dabei ist, weil er zwar tolle radiobeiträge über den brexit macht, aber keine schillernde webseite dazu generiert, die viel „traffic“ zieht, gilt als digital abgehängt. die aktuelle suche nach brexit präsentiert ganz groß zwei fernsehredaktionen und eine zeitung:

webseite von google bei suche nach brexit

interessant daran ist übrigens die konvergenz der tagesschau: „vor 40 minuten“ wurde gar keine tagesschau ausgestrahlt, aber die online-redaktion hat offenbar einen artikel dazu geschrieben. wenn wir darauf klicken, freut sich der NDR über den klick, vor allem aber freut sich google.

direkt darunter auf der suchseite von google setzt sich das hickhack fort. warum steht wohl zeit.de ganz oben, und warum kommen unter den ersten 10 keine öffentlich-rechtlichen rundfunkanstalten vor, die wikipedia und web.de aber schon?

weitere brexit-konkurrenz auf google

die „währung“, die dahinter steckt, ist die der aufmerksamkeit. wenn die aufmerksamkeit nicht mehr über die UKW-skala erfolgt, sondern verstärkt über google, ist das die währung, und daher kommt der konvergenzdruck – auch beim öffentlich-rechtlichen rundfunk.

dabei steht nirgends im rundfunkstaatsvertrag geschrieben, dass sich der rundfunk im www platzieren muss. er könnte das auch unterlassen, würde dann aber schnell allenfalls zum geheimtipp werden, zum geheimtipp auf UKW, und wenn UKW abgeschaltet wird, zum noch geheimeren tipp auf DAB+. denn die musik spielt nicht mehr lange über antenne, sondern im internet.

bei adidas rechnet sich die konvergenz, bei spiegel online und zeit.de wegen page impressions und werbeeinnahmen natürlich auch. beim öffentlich-rechtlichen rundfunk aber muss draufgezahlt werden.

was im moment in allen häusern passiert, ist eine bewegung des programms ins internet, wobei die online-redaktionen gestärkt werden, wie früher bei adidas – eigentlich eine verdrehung der tatsachen. die journalisten erzeugen den content, die online-kollegInnen stellen den content gut aus. den content gäbe es auch ohne internet.

die konvergenz erzeugt druck und tut weh. es knirscht, und spähne fliegen. denn die kernkompetenz des radiojournalisten, rundfunkmoderators  und -redakteurs ist das radiohandwerk, nicht das anfertigen von markengerechten fotos und videos. die fernsehleute können traditionell gut filme drehen und schneiden, aber nicht gut texten; die hörfunkleute sind gute texter, aber die meisten haben keine ahnung davon, wieviel video-footage man braucht, um einen fünfminüter hinzukriegen – sehr viel! texten für twitter funktioniert anders als teaser-texte, pressetexte oder online-texte zu schreiben. man kann sich jetzt auf den standpunkt stellen, die früher „sekretärinnen“ genannten heutigen „produktionsassistenten“ müssten sich halt in alle stufen der produktion einbringen – aber sollen sie den redakteuren ihre kernarbeit abnehmen, gut zu recherchieren und zu texten?

wären sie adidas oder IBM, wäre das gut durchfinanziert – und erledigt. aber im öffentlich-rechtlichen bereich muss alles „kostenneutral“ durchgeführt werden; die sender bekommen ja keinen cent mehr an rundfunkgebühren. jetzt müssen sie ein artfremdes medium bedienen, mit viel verschließ intern. denn kostenneutral heißt eben, dass die redaktionen das erleben, was in die arbeitsstatistiken nicht eingeht, nämlich eine arbeitsverdichtung wie nie zuvor. es ist eine ganz grundsätzliche gesellschaftliche frage, ob man jemandem eine menge zusatzarbeit innerhalb seiner regulären arbeitszeit aufhalsen darf, nur weil er/sie es „irgendwie“ kann – oder können muss. und das jeden tag. und dann der frust: die online-kollegen haben das ganze material umgestellt, falsch beschriftet usw. verschleiß, zumindest in der konvergenzphase.

typische dachmarkenstruktur. grafik: gnom/credibilty wikicommons

in den konvergenzgremien schwirrt das wort „marke“ umher, immer häufiger hört man auch „dachmarke“ – beides begriffe aus einem bereich, der dem neutral berichtenden gewerbe des journalismus geradezu artfremd ist, eben der werbung. werbung blendet bekanntlich, sie kann auch betriebsblind machen. ich kann mich gut erinnern, wie in einzelnen öffentlich-rechtlichen rundfunkanstalten die konkurrenz zwischen einzelnen wellen-„marken“ (XX1 bis XX5) unheimlich viel raum einnahm, also die abgrenzung der submarken untereinander, der klassischen musik vom gesprochenen wort vom schlager vom hiphop vom sport von den nachrichten. das führte zu großem verschleiß bei redakteuren wie freien mitarbeitern, die jahrlang, während diese ansage galt, „wellengerecht“ beiträge einkaufen und sie wellengerecht darbieten mussten. dann kamen die phasen, als man auf einmal, und am besten ab sofort, die dachmarke stärken sollte usw. was für ein verschleiß! mich fragte kürzlich jemand, ob der deutschlandfunk jetzt eine vierte welle hat, nämlich DLF24? gute frage.

es kann gut sein, dass es in 5 jahren twitter nicht mehr gibt, dass dann keiner mehr auf webseiten geht, sondern alles in apps auf smartphones abläuft. das wäre dann konvergenz pur. es kann gut sein, dass es in 10 jahren statt 50 öffentlich-rechtlichen rundfunkwellen in deutschland nur noch 15 gibt, weil es in zeiten der konvergenz irrelevant ist, ob ich BR 4 Klassik in bayern oder in niedeersachsen höre, und den DLF in berlin oder toronto. das wäre eine konvergente entwicklung des föderalen rundfunksystems. ob man’s haben will, sei dahingestellt, es wird alles betriebsintern teuer und muss alles kostenneutral abgewickelt werden. im moment bahnt sich die wellenkonvergenz bereits an: es gibt features und hörspiele, die ARD-weit gesendet werden und sich als submarken präsentieren. in den nachtprogrammen finden zusammenschaltungen statt. vor allem aber, und das merken inzwischen auch die hörer, werden in allen wellen, vom deutschlandfunk abgesehen, rundfunkbeiträge so stark reduziert, dass oft stundenlang fast nur musik zu hören ist, auch wenn die sendung noch das label des „kulturmagazins“ trägt. wellen, die fast nur noch aus musik bestehen, kann man abschaffen. über spotify kann ich mir meine musikauswahl selbst zusammenstellen (lassen).

so, und jetzt konfiguriere ich mir bei adidas.com den nächsten super konvergenten superstar.

reichstagssitzung 23.2. | 1932

kurt schumacher im reichstag 1932

dieser kurze ausschnitt aus schumachers rede vom 23. februar 1932 fand gegen ende eines turbulenten tags im berliner reichstag statt. die turbulenz kam durch eine rede des nationalsozialisten joseph goebbels zustande, der die SPD die partei der deserteure nannte. gemeint war die verweigerungshandlung der sozialdemokraten gegen kriegsende.

Wenn wir irgend etwas beim Nationalsozialismus anerkennen, dann ist es die Tatsache, daß ihm zum erstenmal in der deutschen Politik die restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit gelungen ist.

zwei sätze später nennt er übrigens drei NSDAP-mitglieder, die ihm unterstellt hätten, sich im 1. weltkrieg selbst verwundet zu haben, „untermenschen“ – ein begriff, den die nazis später bekanntlich für alles nicht-„arische“ verwendeten.

anhaltende unruhe im | reichstag

stenografieprotokoll reichstag 18. oktober 1931

ich höre (fürs → archivradio) original-o-töne aus der fünften wahlperiode des deutschen reichstags. (ganz unten ist ein ausschnitt abspielbar!) dank der digitalisierung von stenografieunterlagen sind alle sitzungen online nachlesbar. der obige ausschnitt aus einer sitzung vom sonntag, den 18. oktober 1931, zeigt, dass die stimmung im parlament der auf den straßen ähnelt. auf den straßen nahmen damals die schlägereien zwischen rechten und linken gruppen zu, wobei sich besonders die SA wegen ihrer brutalität hervorhob. der oben angesprochene → rudolf breitscheid war ein scharfzüngiger redner und abgeordneter der SPD, der hier angeblich einen NSDAP-abgeordneten ein „schwein“ genannt hatte. nachdem ich breitscheid lange und in zahlreichen reichstagsreden gehört hatte, möchte ich das bezweifeln. kurz zuvor hatte er einen abgeordneten „lügner“ genannt – das ist verbrieft.

alfred breitscheid (r.) mit dem SPD-politiker otto braun. foto: bundesarchiv

der abgeordnete → alfred rosenberg, mit dem er sich hier angelegt hatte, war einer der führenden rassenideologen des hitlerfaschismus. von ihm stammen bücher mit titeln wie Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten (1919), Das Verbrechen der Freimaurerei. Judentum, Jesuitismus, Deutsches Christentum (1921), Börse und Marxismus oder der Herr und der Knecht (1922). rosenberg machte unter hitler eine steile karriere und wurde nach dem krieg hingerichtet.

alfred rosenberg (2. von links) als judenvernichtungs“experte“1939. foto: bundesarchiv

in den wikipedia-artikel über breitscheid schrieb ich zwei typische statements vom februar 1932 hinein, von denen das erste besonders bemerkenswert ist, weil es klar die nahe zukunft beschreibt. breitscheid floh nach der machtübernahme der nationalsozialisten ins ausland, wurde aber in frankreich festgenommen und kam dann im KZ buchenwald um. ein ausnahmepolitiker.

In den letzten Jahren der Weimarer Republik wurde er als prominenter, außenpolitisch verantwortlicher Sozialdemokrat zum Schmähobjekt für die rechtsradikale Presse. Er sah mit Klarheit die Folgen einer Hitlerdiktatur voraus:

„Wir haben die Frage auszuwerfen: was würde der Sieg des Hitlertums bei der Reichspräsidentenwahl bedeuten? Die erste Antwort — ich glaube, Sie sind darin mit mir einverstanden — heißt Sturz der Weimarer Verfassung. Gewiß, ich gebe zu, daß der Boden der Demokratie jetzt eingeengt ist durch das System der Notverordnungen, das herbeizuführen wir wahrhaftig nicht den Anlaß gegeben haben. Aber das Terrain ist noch da, das Terrain der Verfassung besteht, dieses Terrain, dieser Boden kann wieder bereinigt werden, die Stacheldrähte der Notverordnungen können beseitigt werden. Kommt das Hitlertum zur Herrschaft, dann ist das Fundament beseitigt, auf dem wir das Haus unserer Zukunft und das Haus unserer Kinder aufbauen können.“[3]

In derselben Rede grenzt sich Breitscheid von den Kommunisten ab:

„Sie beantragen, daß alle privaten Schuldverpflichtungen an das kapitalistische Ausland annulliert werden. Die Kapitalisten, Großbanken und Großunternehmer, werden bereit sein, Ihnen eine Dankadresse zu überreichen. Sie stellen sich schützend vor die kapitalistischen Schuldner, die leichtsinnig, leichtfertig Geld aufgenommen haben, das sie nicht zurückzahlen möchten. Die Kommunistische Partei kommt und streicht mit einem Federstrich die Schulden der Kapitalisten. Ich muß schon sagen: eine größere Selbstaufopferung haben wir auch bei der Kommunistischen Partei noch nicht erlebt.“[4]


rudolf breitscheid über hitler und goebbels 1932

der obige aussschnitt aus der parlamentssitzung vom 24. februar 1932 wurde auf schallplatte mitgeschnitten und liegt heute digitalisiert beim → deutschen rundfunkarchiv. er ist in gewisser weise untypisch für damalige verhältnisse, weil immer, wenn die nationalsozialisten im parlament (und nicht ausgeschlossen oder unter protest ausgetreten) waren, große unruhe herrschte. breitscheid legt in dem ausschnitt seinen finger in eine wunde: hitler, so sagt er, verabscheue die parlamentarische demokratie. warum, so breitscheid, hält goebbels dann laufend reden im parlament?

hitler war damals noch österreichischer staatsbürger, also weit davon entfernt, als abgeordneter in den reichstag gewählt zu werden. goebbels dagegen war ordentlicher abgeordneter. am ende des ausschnitts bemerkt breitscheid, dass goebbels in seiner rede vpor kurzem im sportpalast hitler bereits als reichspräsidenten bezeichnet hat.

drohnenflug live im | DLF

facebook-seite zur sendung

heute drehte sich die sendung „marktplatz“ um den boom der drohnen am himmel. → hier nachzuhören. das foto oben hat jan-martin altgeld von der DLF-onlineredaktion aufgenommen. ich war in der ersten halben stunde südöstlich vom funkhaus auf einer öffentlichen wiese und startete von dort. dies ist der unbearbeitete film dieses flugs:

live in der sendung „marktplatz“ heutemorgen

das video zeigt den flug live während der sendung. der ton aber ist nicht der sendungston, sondern der lokale mitschnitt meines smartphones. weil es in den controller eingespannt ist, hört man das surren des ventilators des controllers in meiner hand. unten das video, das jan-martin aus eigenem und meinem drohnenmaterial zusammengefügt hat:

facebook-post vom deutschlandfunk

uli baronowskys | THRILL

THRILL screenshot

THRILL ist ein außergewöhnliches softwareinstrument. man erzeugt damit vorwiegend dunkle klangflächen, die sich interaktiv dramatisch ändern lassen, indem man im XY-feld hin und her fährt. ich habe die software mitte juli 2017 für WDR3/tonArt rezensiert und dazu uli baronowsky in seinem studio in köln besucht.


THRILL rezension in WDR3 „tonArt“

sender = empfänger | frühe 1920er

radiobasteln für die schweiz

die frühen radiozeitschriften handelten noch nicht oder kaum von dem, was wir seit mitte der 1920er jahre unter radio verstehen. selbst beim start des rundfunks 1923 war mit radio noch häufig der eigene sender gemeint. die US-regierung unternahm ab 1922 vorstöße, die zahllosen einpersonen-sender zu sanktionieren, um dem kommerziellen rundfunk breitflächig auf dem engen frequenzband der mittelwelle platz zu machen. auch im deutschen reich und der schweiz schossen radiobastler ab ca. 1920 aus dem boden. nur so ist die große menge von funkzeitschriften zu verstehen, die gleichermaßen sender und empfänger des „drahtlosen rundfunks“ bediente.

die zeitschriften unterschieden sich in ihrer technischen tiefe. die meisten zeigten schaltkreise zum eigenbau von radioanlagen, einige beschäftigten sich mit rundfunkpolitik und rechtsfragen. blitzeinschläge in sende- und empfangsantennen waren ein großes thema. funkzeitschriften forderten ihre leser auf, von der auswirkung von gewittern zu berichten. streits mit vermietern endeten in gerichsverfahren, weil diese nach blitzeinschlägen im haus das antennenkabel kappten und dazu in die wohnung des mieters eindrangen. in leserbriefen waren tipps zu lesen, in welchem winkel man antennen zum wetter stellen sollte, um die empfangsqualität bei unwettern zu verbessern.

online brillen | problematisch

unbrauchbare gleitsichtbrille. foto: ms/dpa

für die deutschlandfunksendung → „umwelt und verbraucher“ habe ich das bestellen von brillen über zwei große webportale (misterspex und brille24) untersucht. das ergebnis ist ernüchternd, ganz besonders bei brille24. gleichzeitig ermunternd, denn nur über kritik lernt diese neue branche der online-brillenhändler dazu.

das foto oben zeigt eine online bestellte gleitsichtbrille mit messpunkten eines neutralen sachverständigen (augenoptikermeister). die brille erzeugte beim aufsetzen sofort kopfschmerzen und schwindel, was daran lag, dass

  • die achslage der beiden gläser geneigt war, vor allem die links im foto,
  • die zentrierung (kreuze) zu weit oben lag. die pupillen sollten mittig und nicht so weit oben durch die gläser gucken.

dass das brillengestell minderwertiger qualität war, kann man dem portal nicht vorwerfen. auf nachfrage erfuhr ich, es sei kein „markengestell“, sondern die „hausmarke“, die bei brille24.de nicht als „marke“ bezeichnet würde. meine frage, warum die lieferzeit 3 wochen betrug, sagte mir ein brille24-mitarbeiter (der mich als kunden, aber nicht als pressevertreter wahrnahm), dass ich nunmal keine markenbrille bestellt hätte, und solche brillen kämen aus thailand, auch die gläser würden dort eingearbeitet. auf meine rückfrage, woran ich das unterscheiden hätte können, erklärte er mir etwas forsch, was eine marke sei. calvin klein sei eine, der VW-golf aber nicht, VW dagegen schon. ich wollte dem nicht widersprechen, um die bilderbuchmäßige halbwahrheit nicht zu stören. von der seite sieht das modell jedenfalls trostlos aus, eine mischung aus plastik und metall.

die arbeitsplatzbrille (hier nicht abgebildet) war keine typische arbeitsplatzbrille, weil die distanz zum arbeitsbildschirm oder zur werkbank bei der online-bestellung nicht abgefragt wurde. stattdessen hat misterspex.de einfach eine gleitsichtbrille geliefert, die etwas anders eingenordet war als eine übliche gleitsichtbrille. der optikermeister vor ort meinte, solche gläser seien untypisch und viel zu teuer für einen arbeitsplatz. zudem fehlte der bei der online-bestellung ausgewiesene UV-schutz komplett. (ist für den arbeitsplatz nicht kritisch wichtig.)

unfassbar nah | VR-feature

am kommenden sonntag läuft in der reihe forschung aktuell/wissenschaft im brennpunkt mein → wissenschaftsfeatureunfassbar nah – der siegeszug der virtuellen realität“ hier der trailer dazu, komponiert mit afrikanischen trommeln und saiteninstrumenten und, als teppich, THRILL von native instruments. es sprechen nina lentföhr, anja jazeschann und christoph wittelsbürger. plus zwei meiner sieben interviewexperten.


trailer zu wissenschaft im brennpunkt VR


trailermusik. (bitte nicht weiterverwenden: GEMA!)

panorama ohne | korrektur

unkorrigiertes panorama. deutschlandfunk von süden. foto: ms/dpa

dieses foto habe ich aus vier drohnenfotos zusammengesetzt, und zwar ohne weiteres zutun in adobe photoshop lightroom. lightroom geht mit panoramen ausgesprochen elegant um. ich gab der app gestern von einem ganz anderen drohnenflug etwa 20 einzelaufnahmen und bekam in etwa einer minute ein durchaus ansprechendes gesamtbild. es dauert dann einige zeit, bis große panoramen (15.000 pixel breite sind keine seltenheit) tatsächlich gerendert sind.

das foto vom deutschlandfunk (dem linken, dunklen turm) und den türmen der ehemaligen deutschen welle wirkt perspektivisch stark verzerrt, was mir eigentlich ganz gut gefällt. es unterstreicht das baukastengefühl, das sich bei drohnenaufnahmen oft einstellt.

helli, der | DJ

dj hell, portraitiert von greg gorman, → wiki commons

an DJ hell kann ich mich gut erinnern. wir hatten aber nur eine punktuelle begegnung, die in der heute in der SZ erschienenen → liebevollen hommage von johanna adorján nicht erwähnt und deswegen hier nachgeliefert wird.

wir nannten den helmut damals helli und luden ihn um 1990, vielleicht war’s auch 1992, in den zündfunk ein. ich hatte wegen meiner häufigen englandbesuche drauf gedrängt, die endlich auch in deutschland aufkommende DJ-kultur irgendwie in die sendungen zu bringen, also statt des durchmoderierten musikjournalistischen gescheitDaherredens raum für DJing zu schaffen.

das führte dann zu einer (später meines wissens nach nicht fortgesetzten) kleinserie von einstundensendungen, in der jeweils ein DJ „auflegte“. ich weiß noch, wie ich herumreiste und in england von einem damals bekannten DJ, dessen namen ich heute nicht mehr weiß, einen kompletten mix für den zündfunk schneidern ließ, den wir dann 1:1 sendeten. ich glaube, helli war unsere nummer 2. es war eine seltsame studiobegegnung im BR mit ihm. seine beiden turntables passten überhaupt nicht ins ambiente des studio X (ich weiß noch, es war nicht das klassische studio 4). ich glaube, der damals nicht mehr ganz junge helli fühlte sich nicht wohl und sprach kaum was. wir, die wir ihn eingeladen hatten, vermutlich über den kontakt durch stephanie gollert, und die techniker wussten nicht, wohin wir ihn stellen sollten: ins studio, in den regieraum? als die stunde im kasten war, gingen wir alle nach hause und wussten nur eins: hier stimmte irgendwas grundsätzlich nicht. die heiligen hallen des damals noch sehr hochnäsigen und lange nicht verarmten BR und die rauheit der clubs passten einfach nicht zusammen. der englische DJ, den ich sendete, nahm seinen mix zuhause auf. wäre auch für helli besser gewesen. und der unten erwähnte nikolai schrieb mir vorhin:

„In Berlin mixte Paul van Dyk im Schlafzimmer seiner Oma in Berlin Tempelhof seine Zündfunkstunde zusammen. Der war mächtig stolz darauf.“

die kleine reihe war damals in mancher hinsicht ungewöhnlich – und in der redaktion umstritten. zum beispiel mahnten einige freie moderatoren zu recht an, dass sie sich ihre sendeplätze nicht wegnehmen lassen sollen. das ging dann gerade so gut, weil es sich um ausnahmen handelte, die dann vermutlich auch mit dem urlaub des ein oder anderen moderators korreliert wurde. ein anderes gegenargument gegen helli & co. war, dass sie sich eben nicht als musikjournalisten gebärdeten, sondern „nur“ platten abspielten. dass im plattenabspielen eine hohe kunst lag, war gerade den älteren in der redaktion nicht klar.

ein förderer der idee war → nikolai (von koslowski), der damals schon in berlin lebte und nie fest im zündfunk moderiert hatte. und weil ich in der zeit langsam meinen absprung nach london und später köln vorbereitete, weiß ich nicht, wie’s weiterging. weiß nur, dass sich einige jüngere kollegInnen der techno-musik annahmen und diese dann brav moderiert in ihren sendungen spielten. uns (nikolai und mir) kam das nicht adäquat vor, weil eine dance-nummer, eingerahmt von gescheiten worten, einfach ein nullinger ist.

mogadischu funkverkehr | 1977

der „deutsche herbst“ jährt sich jetzt zum 40. mal. wir haben soeben im → SWR 2 archivradio einen mehrstündigen, sich dauernd wiederholenden stream dazu aufgestellt, der jetzt zu hören ist.

entführungsroute. grafik: Devilm25, wiki commons

im „deutschen herbst“ 1977 ging die ära der → RAF zu ende. die ereignisse überstürzten sich in der nacht vom 17. auf den 18. oktober. am morgen des 18. oktober lagen (hingen) die kerngrößen der RAF tot in ihren zellen in stammheim. wenige stunden zuvor hatte eine deutsche spezialtruppe mitten in afrika ein lufthansa-flugzeug gestürmt.

ich fand vor zehn jahren, als wir das → archivradio starteten, im „wortarchiv“ des WDR zwei bänder, die den mitschnitt des funkverkehrs zwischen dem entführer in dem flugzeug und dem tower von mogadischu enthielten – nicht komplett, aber immerhin 100 minuten lang. dieses dokument ist nicht nur für den deutschen herbst interessant und historisch relevant, es zeigt auch frühe, durchaus ausgeklügelte strategien, mit entführern umzugehen. in dem mitschnitt setzen die vertreter der deutschen regierung sehr gezielt den entführer in zugzwang, sein ultimatum zu verlängern. sie begründen das stets mit höherer gewalt oder fehlender technik. der meister der verhandlungen war → michael libal, der quasi-botschafter der BRD in somalia. er spricht in fast akzentfreiem englisch mit dem entführer mahmud shadid.

im WDR-archiv war die herkunft der beiden bänder, die wir haben fürs archivradio digitalisieren lassen, nicht verzeichnet. die archivarin ging davon aus, dass sie aus dem studio bonn des WDR kamen, welches in der damaligen bundeshauptstadt gute kontakte zu regierungskreisen hatte. sicher waren die mitschnitte nicht im original auf studiotonband gemacht worden, sondern wahrscheinlicher auf compact cassetten.

ein freund und kollege wies mich gerade auf erich wiedemanns buch → unser mann in timbuktu: die sieben leben eines spiegel-reporters hin. wiedmann beschreibt darin, wie er eine woche nach der befreiung der gekaperten maschine gegen geld tonbandcassetten mit dem funkverkehr entgegennahm:

erich wiedemann, textauszug

im archivradio streamen wir das meiste material. dieses tondokument aber lässt sich herunterladen. dazu habe ich einen sehr ausführlichen begleittext angefertigt, der ein rohes transkript der 100 minuten darstellt. → hier ist er zu finden. der aktuelle stream zum deutschen herbst ist über dieselbe seite oben rechts abrufbar.

zündfunk london special | 1983

heute krame ich einen cassetten-mitschnitt des BR-zündfunks vom 3. oktober 1983 heraus. rough trade war damals ein frisch gegründetes label mit sehr interessanter musik, punk und new wave waren auf höhenflügen. ich interviewte bands wie die smiths und sendete mit vielen reportagen das erste zündfunk-special über londons alternative musikszene. ich war damals wegen engen freunden so sechsmal pro jahr da. und bin’s heute noch öfter.

die sendungen waren damals viel steifer als später, u. a. wegen der wortgenau abgelesenen moderationen. was mich beim hören nach über 30 jahren wundert, ist die menge an – würde man heute sagen – feuilletonistischen moderationen. eigentlich mehr als moderationen: erlebnisberichte, trendnotizen. damals war zum beispiel das wort ghetto blaster neu; in deutschland kannte es kaum jemand. also erklärte ich, wie die dinger aussehen, dass ich sie überall in brixton sehe usw. ich habe damals angefangen, mit jingles zu arbeiten. dieser hier, den ich „London Spezial“ nannte, ist schwer verständlich. paar jahre später gab’s dann sehr gut verständliche, die ich heute noch gern höre…

hier einige ausschnitte aus der sendung vom oktober 1983 im „zündfunk club“, u. a. mit den smiths und den go betweens:


einige moderationsausschnitte

gottschalk auf den hund | gekommen

ich kenne → thomas gottschalk flüchtig aus meinen BR-zeiten. zwei abteilungen, die sich respektvoll distanziert gegenüberstanden und gelegentlich im aufzug und in der kantine sahen: die leichte unterhaltungswelle B3 (→ gottschalk, → jauch, → egner…) und der politisch widerborstige B2 zündfunk (lindenmayer, → riederer, → kastan, kick, angerer, → bruckmaier, → kapfer…). auf B3 liefen die charts, gottschalk machte witze wie: „bei der geschlossenen schneedecke können Sie wenigstens nicht durchfallen“. wir im zündfunk stellten den punk und den metal vor, besuchten besetzte häuser und ließen jusos live gegen rechte socken antreten. 1980er jahre.

gottschalks fernsehkarriere ist zwiespältig. seine talkshows waren alle flops, weil er einfach keine interviews führen kann, oder anders ausgedrückt: weil er kein journalist ist, ganz im gegenteil zum beispiel zu einer ebenfalls zündfunk-kollegin → sandra maischberger. wetten dass dagegen war ideal für ihn, weil hier ein schön unpolitischer sunny boy den liebsten fernsehschwiegersohn für das etwas ältere samstagabendpublikum spielen konnte. genommen spielte er den nicht, er war und ist so.

wenn jemand finanziell so gut dasteht, wundert es mich, dass er in die unterste werbeschublade greift und sich vor ein möbelhaus spannen lässt, nur um noch paar euro zu verdienen. im goldjäckchen. sorry, thomas, schmieriger geht’s nicht.

manning job done | twice

schwere geburt war mein so genannter „zwischenruf“ heute in WDR 3 / resonanzen, einem mehrstündigen kulturprogramm mit sehr viel musik und einer dreieinhalbminütigen kommentar/glossen-ecke, eben dem zwischenruf. ich hatte der redaktion auf deren wunsch zwei kulturnahe aktuelle themen angeboten, die aber auf kein interesse stießen. stattdessen wurde ich gebeten, etwas über die begnadigung chelsea aka bradley mannings zu schreiben. nun war manning heute in aller munde und in allen zeitungen und in der tagesschau ganz vorn. was will ich dazu noch sagen? eine glosse konnte ich mir wegen des ernsts der lage zunächst nicht vorstellen. die redaktion bat also um einen kommentar, eine einordnung – wie sie heute vermutlich schon x kollegen vollzogen hatten.

ich kam vom mittagessen zurück, als mir ein dreh einfiel, doch eine glosse daraus zu machen, nämlich eine dystopie der fake news. dieser text wurde umgehend abgelehnt:


nicht gesendete fakenews glosse

der text sei unverständlich und ginge nicht ernst genug auf das thema der begnadigung mannings durch obama ein. der nachmittag neigte sich dem sendebeginn zu. ich wurde gebeten, doch einen kommentar zu schreiben, der aspekte aufwirft, die nur ich, der ich die wikileaks sehr gut kenne, aufwerfen kann. mir fielen keine ein, denn inzwischen sind alle kollegen auf dem gleichen stand. aber ich schrieb den kommentar, sicher kein weltwunder an text, und → hier eine zeitlang nachhörbar.

war das nun eun typischer ablauf für ein journalistisches autorenleben? eher nicht. es gibt zwei arten von beiträgen fürs radio (und für print): das alltägliche, was gemacht werden muss. und die etwas höhere kunst, sich etwas zu erfinden, zusammenhänge zu schaffen und an sich normales ins bizarre, komische, skurrile zu drehen, dahin, wo nicht jeder sowieso hindenkt und wo man nicht merkt, wohin die geschichte läuft, bevor sie nach wenigen minuten zu ende ist. ein sehr sensibles produkt. also ein eher unüblicher ablauf im freien autorenleben.

zündfunk bauchlyrik | 1988

sendungsmitschnitt auf cassette

wir moderatoren finden erst über die jahre zu uns selbst. in meinen frühen jahren im zündfunk, club 16, pop sunday, war ich zu leise zu nah am mikro. das war damals gängiger stil bei vielen. erst gegen 1990 fand ich meine stimme, wie sie ist. hier also noch nicht. mir nicht in erinnerung, diese viel zu tragisch vorgetragene vermutlich selbst geschriebene zeitgeist-wissenschaftslyrik. das war freeform radio par excellence, wir konnten machen, was wir wollten. es juckte keine quote, es zählte die echtheit. wir erzählten das, war wir dachten, wir spielten die musik, die wir kannten und toll fanden. das war keine bessere zeit, aber eine andere.

wenn ich es heute höre, fällt mir auf, dass ich, anders als das meiste in meinen 80-minuten-sendungen, diesen take nicht live gesprochen hatte. im vorlauf der spätnachmittagssendungen hatten wir „schneidetermine“ mit studio. diesen text, der zu atmosphärischem sound im stereopanorama hin und her fährt, musste eine toningenieurin/technikerin (praktisch ausschließlich frauen; nur in den hörspielen saßen männer am pult) quasi live gepegelt und auf band aufgezeichnet haben. da gab es kein undo. ich nahm dann das tonband, das mit 38 cm/s offen gewickelt lief, vom studio 4 im vierten mit in die sendung hoch in den siebten stock.


kurzer ausschnitt daraus