wahl-„terror“ | 1688

das wort „terror“ taucht in den mitschriften des englischen unterhauses erstmals am 19. februar 1688 auf. und zwar im zusammenhang mit einer wahl, an der baron john dormer teilnahm. soldaten hatten den befehl verweigert und waren nach wallingford marschiert, um die dortige wahl zu „schützen“, genau genommen, um dormer ins parlament wählen zu lassen. dabei drohten sie dem bürgermeister damit, seine ohren abzuschneiden und sein haus niederzubrennen, falls er dormer nicht gewinnen lässt. dormer verlor die wahl gegen baron william jennens. in der parlamentarischen mitschrift werden diese drohungen als „terror“ bezeichnet.

house of commons, 19.2.1688 → proQuest

 

mit drohne auf | 4 meter

dies ist ein völlig unspektakuläres foto von gestern:

zwei fenster, unspektakulär. foto: ms

das foto wirkt flauer als das licht an dem tag eigentlich war, leicht blaustichig, schwach im kontrast. das liegt daran, dass die kamera mit dem → RAW-format aufgenommen hat. RAW ist das königsformat der digitalfotografie, weil in ihm qualitäten stecken, die weitreichende bearbeitungen möglich machen.

das foto unten zeigt das bild auf diese weise bearbeitet, nur leicht, aber zum beispiel ist der blaustich verschwunden, und die innenräume sind deutlicher sichtbar. diese infomationen sind in einem jpeg-bild festgeschrieben, also im nachhinein nur noch schwer zu „reparieren“.

für mich war daran interessant, dass das foto aus etwa 4 metern höhe von der straße aus entstanden ist. dafür braucht man normalerweise einen kamerakran. ich flog mit meiner drohne auf die etwa 4 meter fensterhöhe, ließ das gerät im abstand von etwa 2 meter davor schweben und nahm dann auf.

das foto von oben, bearbeitet. 4 m höhe. ‎© ms/dpa

mogadischu funkverkehr | 1977

der „deutsche herbst“ jährt sich jetzt zum 40. mal. wir haben soeben im → SWR 2 archivradio einen mehrstündigen, sich dauernd wiederholenden stream dazu aufgestellt, der jetzt zu hören ist.

entführungsroute. grafik: Devilm25, wiki commons

im „deutschen herbst“ 1977 ging die ära der → RAF zu ende. die ereignisse überstürzten sich in der nacht vom 17. auf den 18. oktober. am morgen des 18. oktober lagen (hingen) die kerngrößen der RAF tot in ihren zellen in stammheim. wenige stunden zuvor hatte eine deutsche spezialtruppe mitten in afrika ein lufthansa-flugzeug gestürmt.

ich fand vor zehn jahren, als wir das → archivradio starteten, im „wortarchiv“ des WDR zwei bänder, die den mitschnitt des funkverkehrs zwischen dem entführer in dem flugzeug und dem tower von mogadischu enthielten – nicht komplett, aber immerhin 100 minuten lang. dieses dokument ist nicht nur für den deutschen herbst interessant und historisch relevant, es zeigt auch frühe, durchaus ausgeklügelte strategien, mit entführern umzugehen. in dem mitschnitt setzen die vertreter der deutschen regierung sehr gezielt den entführer in zugzwang, sein ultimatum zu verlängern. sie begründen das stets mit höherer gewalt oder fehlender technik. der meister der verhandlungen war → michael libal, der quasi-botschafter der BRD in somalia. er spricht in fast akzentfreiem englisch mit dem entführer mahmud shadid.

im WDR-archiv war die herkunft der beiden bänder, die wir haben fürs archivradio digitalisieren lassen, nicht verzeichnet. die archivarin ging davon aus, dass sie aus dem studio bonn des WDR kamen, welches in der damaligen bundeshauptstadt gute kontakte zu regierungskreisen hatte. sicher waren die mitschnitte nicht im original auf studiotonband gemacht worden, sondern wahrscheinlicher auf compact cassetten.

ein freund und kollege wies mich gerade auf erich wiedemanns buch → unser mann in timbuktu: die sieben leben eines spiegel-reporters hin. wiedmann beschreibt darin, wie er eine woche nach der befreiung der gekaperten maschine gegen geld tonbandcassetten mit dem funkverkehr entgegennahm:

erich wiedemann, textauszug

im archivradio streamen wir das meiste material. dieses tondokument aber lässt sich herunterladen. dazu habe ich einen sehr ausführlichen begleittext angefertigt, der ein rohes transkript der 100 minuten darstellt. → hier ist er zu finden. der aktuelle stream zum deutschen herbst ist über dieselbe seite oben rechts abrufbar.

stereokamera in | 3D

wenn wir im kino eine 3D-brille aufsetzen, sehen wir bestimmte filme räumlich. die voraussetzung ist, dass der film mit zwei kameras gedreht wurde, die nah beieinander sind – einer stereokamera eben.

im computergenerierten film, der rein auf künstlichen szenen aufbaut (wie toy story), ist dafür auch eine stereokamera zuständig, natürlich eine virtuelle. sie stellt eine szene ähnlich wie hier dar:

3D-szene mit stereokameraansicht

eine ähnliche szene habe ich dann für beide augen, also für die 3D-brille gerendet. man kann die beiden bilder durch leichtes schielen so überlagern, dass man auch ohne hilfsmittel einen tiefen-eindruck bekommt:

stereobild (rechts und links leicht verschieden)

ich habe für meinen lehrkanal über computeranimation dazu ein video erstellt. → hier ist es.

anschlag in london ab | € 22.740

webseite der SZ am 22.3.2017 nachmittags

ein typisches beispiel, wie sich werbealgorithmen vergaloppieren, zumindest in bestimmten browsern, wie hier in firefox bei deaktiviertem adblocker. die top-meldung ist eigentlich ein anschlag auf einen wachmann in london/westminister. umrahmt und gestört wird der artikel aber von einer werbung von hyundai, die mit „change is good“ und einem super angebot wirbt. jetzt kann man auf den blauen „mehr erfahren“-knopf klicken und kommt dann vielleicht über doubleclick zu hyundai, oder auf den kleinen, fast unsichtbaren knopf rechts darunter?

was anzeige und was redaktionelles bild ist, vermischt sich hier. man kann die schlagzeile so lesen: change is good, wenn vor einem roten doppeldeckerbus zwei polizisten sich nett unterhalten. daneben dann eine bizarr auffällig weiß auf schwarze leiste, die mit der top-meldung anfängt, dass der campus in oberschleißheim ausgebaut wird.

auf dieser seite führt praktisch jeder klick in eine falle. man sollte sie so sehen wie hier, als kunstwerk.

eine halbe stunden später wird die seite dann richtig zynisch:

fake news | generator

ich wollte mal gucken, wie ich billig (also ohne zeitaufwand) eine schön schmackige falschnachricht generiere. google-suche: es gibt keine fake-news-generatoren. als super fake-news-generator wird in der google-suche donald trump genannt. billiger joke.

ich könnte eine optisch tolle fake-news-nachricht in photoshop basteln, aber es gibt webseiten, die das für uns erledigen, wo wir jede beliebige info reinschreiben können und dann etwas herauskommt, was, für sich allein betrachtet, für kantinen- und bettgespräche sorgen könnte – weil es unglaublich wahr klingt.

ein portal, in das man händisch fette schlagzeilen und fotos einfügen kann, nennt sich breaking news, was den nagel auf den kopf trifft, denn fake news breaken. hier ein mit einem klick hergestellter fake-news screenshot:

ich habe  die graue schlagzeile und die gelbe laufbandzeile geschrieben und ein beliebiges autozusammenstoßfoto aus dem internet gewählt. [übrigens eins ohne copyright-angabe, ein → symbolbild bei gulf digital news.] der breakyourownnews-generator tut den rest.

im nachfolgenden beispiel musste ich der wiederauferstehung von lady diana von den toten händisch nachhelfen und zwei bilder montieren. der rest, um dieses gesamtkunstwerk zu schaffen, geschah über die genannte webseite wieder automatisch:

DDR-presse über | trump

die DDR-presse war bekanntlich voller fake-news. wie die BILD-zeitung. manchmal mag ein körnchen wahrheit drin gewesen sein, quellen werden nie genannt, allenfalls windige, im folgenden beispiel gar keine. ich gehe davon aus, dass das frei erfunden war [Neue Zeit vom 29. september 1984, jahrgang 40 / ausgabe 231 / seite 12]:

in derselben ausgabe auf derselben seite taucht ein amerikanischer mulitmillionär erstmals in der DDR-presse auf, nämlich der spätere US-präsident donald trump. dieser artikel vermischt, wie praktisch immer in der DDR-presse, meinung mit fakten, aber im kern stimmt die aussage. trump baute damals den trump-tower.

trump taucht in der DDR-presse bis zu deren ende 1990 rund 30 mal auf. weil es die kernpublikationen wie Neue Zeit, Neues Deutschland und Berliner Zeitung noch etwas länger gab, findet man trump ingesamt 46 mal. er gilt stets als inbegriff des miesen kapitalisten. in mehreren artikeln setzt sich die DDR-presse damit auseinander, dass trump nicht mehr zahlungsfähig war und doch immer irgendwie die kurve kratzte, mit für DDR-bürger unvorstellbaren finanztricks.

der folgende relativ sachlich gehaltene artikel über trumps beinahe-konkurs wegen seines spielkasinos in atlantic city ist eine redaktionelle mischung aus dpa- und vwd und war sicherlich hoch willkommen. [Neue Zeit, 22. november 1990, jahrgang 46 / ausgabe 272 / seite 10]

die bärte der | indianer

wenig bart bei herrn thayendanega

im »American Museum Or Repository Of Ancient And Modern Fugitive Pieces, Prose And Poetical, Volume 5« von 1809 wird die frage behandelt, warum die indigenen ureinwohner nordamerikas kaum bart haben. der autor dieser schwerwiegenden überlegungen befragt einen zugereisten weißen offizier und indianerexperten sowie einen, wie er sagt, für indianische verhältnisse relativ intelligenten mohawk namens thayendanega. beide sind sich einig, dass indianermänner ordentliche bärte haben könnten, wenn sie sich die haare nicht schon in der pubertät anfingen, mit den wurzeln auszureißen. dadurch wirkten indianergesichter so zart. colonel butler kommt zu dem schluss, wenn indianer sich rasieren würden, wären ihre bärte wohl mit denen der europäer vergleichbar. herr thayendanega alias captain brant dagegen meint, der bartwuchs des indianers sei prinzipiell dürftiger als der der europäer.

gimme iggy | pop

in einem monat kommt gimme danger von → jim jarmusch ins kino. ich habe den film heute im presse-preview gesehen. ein dokumentarfilm, getragen von → iggy pop, der mit realem namen james osterberg heißt. der film ist über weite strecken komisch, weil osterberg einen schön trockenen humor und seine storys schon tausendmal mit immer guten pointen erzählt hat. also nicht viel neues: zum beispiel, dass er es als schlagzeuger leid war, immer nur die ärsche seiner mitspieler zu sehen und deswegen ans gesangsmikro wechselte. oder die geschichte des ausgeschlagenen schneidezahns beim stagediving, weil niemand im publikum ihn damals, gefühlt 1969, auffing, und er auf den boden knallte.

jarmusch arbeitet mit vielen fernsehzitaten aus den 19560er und -60er jahren, die optisch nichts mit iggy pop oder seiner band, den stooges, zu tun haben, aber das illustrieren, was gerade im interview angesprochen wird. wo es an solchem material fehlt, hilft er mit kleinen, selbstgemachten 2D-animationen nach, die zu den lustigsten elementen von gimme danger gehören.

nach etwa einer stunde ist die luft raus, der film geht quasi zu ende und fängt dann wieder und nochmal wieder an, bis dann am schluss das unvermeidliche comeback der band folgt – vier alte männer vor einem riesigen, handzahmen publikum.

die stooges waren nie eine wirklich erfolgreiche band, es gab dafür viel zu viele brüche (drogen, bühnenchaos, stilfindung etc.). was sie auch nicht waren, in diesem film aber als solche verkauft werden: die urväter des punks. das ist quatsch, denn die urväter kommen aus england, wo der punk mehr mit alkohol als mit kiffen, mehr mit thatcher und der queen als mit dem nachdenken über gute riffs und nachte oberkörper zu tun hatte. die sex pistols kommen nur einmal ganz kurz vor, wo sie einen stooges-song covern. die ramones werden mehrmals am rande angesprochen. im grunde waren sie die band, die die form fand, die die stooges nie fanden. die ramones waren amerikanischer punk, ohne sich so zu nennen. in meinen interviews mit joey ramone sprach er immer nur von rock and roll, nie von punk, warum auch.

interessant fand ich osterbergs begegnung mit david robert jones alias „bowie“. die beiden werden popgeschichtlich immer wieder miteinander verglichen, wohl wegen ihrer androgynen schlangenartigen haltung auf der bühne. dabei trennen beide welten. bowie ist als gesamtkunstwerk, der nie so richtig in einer rockband spielen konnte, etwas völlig anderes als iggy pop, der in detroit in einer „kommunistischen“ WG mit seinen mitmusikern lebte. bowie und iggy hatten kaum miteinander zu tun. iggy pop sagt in dem film über david bowie nur „ja, er war schon cool“, und er deutet an, dass bowie auf den US-punk abfuhr und sich davon input versprach. dabei verstanden die stooges im tiefsten inneren den punk nicht, weil der punk nicht in den weiten des mittleren westens der USA zu hause war, sondern auf den verregneten straßen englischer großstädte.

jim osterberg ist ein sehr sympathischer zeitgenosse; und tausend kreuze, dass er nach seinen jahrzehntelangen drogenerlebnissen so eloquent und klar und mit einem phänomenalen gedächtnis erzählen kann. ich habe → diesen BBC-vortrag (john peel lecture) von ihm sehr gern gehört. jarmuschs liebevolle hommage gimme danger ergänzt das ganz gut.